>

Kalaw – das Wander-Mekka Myanmars

Kalaw, Myanmar – März 2014



Hoch oben am Rande der Shan-Berge liegt ein kleines, verstecktes, von Touristen nur selten besuchtes Örtchen – Kalaw. Auf einer Höhe von 1.320 m bietet es ein angenehmes kühles Klima und wunderschöne Aussichten in die Umgebung. Kein Wunder, dass die Briten während der Kolonialzeit dieses Städtchen auserkoren und sich hierhin zurückzogen. Doch auch wenn einige wenige Häuser aus der Kolonialzeit überlebten, ist Kalaw heute eine verschlafene Kleinstadt, in der neben Burmesen und Shan auch viele Chinesen, Nepalesen und Inder leben. Höhepunkt im Ort selbst ist der wöchentlich stattfindende Markt, zu dem die in der näheren Umgebung lebenden ethnischen Minderheiten in ihren schönsten Trachten zum Einkaufen und Handeln in die Stadt kommen. Ansonsten hätte Kalaw nicht viel zu bieten, wäre es nicht der perfekte Ausgangsort für Wanderungen in die umliegenden Ortschaften. Egal ob dir nach einem kurzen Spaziergang oder einem mehrtägiger Trek ist, Kalaw bietet ein großes Spektrum an Möglichkeiten für Wanderfreunde.


Außergewöhnliche Anreise als Highlight
Überraschenderweise war es dann jedoch nicht die Wanderung selbst, die bei unserem Besuch in Kalaw zum Highlight wurde, sondern unsere abenteuerliche Anreise. Was am Morgen noch langweilig mit viel Warten und Herumsitzen begann, endete in einer waghalsigen Fahrt in die Berge Myanmars.
Zunächst ging es völlig unkompliziert vom Inle-See mit dem Pick-up in die nächst größere Stadt Shwenyaung. Da es wie immer erst losgehen konnte, wenn ausreichend Personen (in diesem Fall 10) zusammen kamen, hieß es warten. Als sich nach einer Stunde Wartezeit noch immer nichts getan hatte, zeigte sich der Fahrer gnädig und brachte uns nach Shwenyaung. Auch hier wurden wir wieder zum Warten verdonnert. Angeblich sollte an dieser Straße irgendwann (ja, irgendwann; wer braucht schon feste Abfahrtzeiten?) ein Bus auf seinem Weg nach Kalaw vorbeifahren und wir könnten aufspringen. Wir übten uns in Geduld. Es verging eine Stunde. Dann eine weitere. Und eine dritte. Doch nichts, absolut nichts. Kein Bus weit und breit. Dazu nur eine Handvoll Autos und Pick-ups. Wir konnten förmlich, wie in einem alten Western, die Steppenläufer über die leeren Straßen rollen sehen.
Dann nach etwa dreieinhalb Stunden Warten ein Lichtblick: ein überfüllter Pick-up hielt am Straßenrand. Der Helfer des Fahrers schrie uns unablässig nur einen Begriff ins Gesicht „Kalaw, Kalaw, Kalaw“ und wedelte dabei aufgeregt mit seinen Händen. Übrigens baumelte der nette Mann aufgrund der Menschenmassen im Pick-up lediglich auf einem kleinen Trittbrett an der Seite des Fahrzeuges. Nun ja, wir wollten tatsächlich nach Kalaw, aber er wollte uns doch nicht wirklich mitnehmen, oder? Wo zum Teufel sollten wir denn sitzen? In diesem offiziell für drei Personen zugelassenem, uraltem Toyota drängelten sich bereits ca. 15 ältere Ladies samt ihrer Einkäufe – Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch – auf der Ladefläche aneinander. Kurzerhand wurden ich und mein schwerer, riesiger Rucksack ebenfalls dazu gequetscht. Beinfreiheit? Was genau war das nochmal? Kopffreiheit? Völlig überbewertet. Mit eingezogenem Kopf und Beinen, meinem Rucksack und einem Kleinkind auf dem Schoß, ging es für mich in das 50 km entfernte Kalaw. Die Landschaft soll schön gewesen sein, hörte ich zumindest. Denn sowohl rechts als auch links sah in lediglich zahlreiche Köpfe und neugierig lächelnde Gesichter.
Und Stefan? Die Ladefläche war eindeutig voll. Mehr als voll. Tatsächlich wurde mein geliebter Mann samt Gepäck zu den ca. 15 weiteren Männern aufs Dach verfrachtet. Auf das Dach eines, ich wiederhole es, für offiziell drei Personen zugelassenen Pick-ups! Unglaublich. „Gut festhalten“, brüllte der nette Mann ihm noch ins Ohr und schon rasten wir los. Bei jeder Kurve bekam ich einen Herzinfarkt und hoffte auf das Beste. Doch da ich quasi luftdicht auf der Ladefläche abgeschottet war, bekam ich nicht viel mit. Als wir allerdings eine Vollbremsung einlegten und auch noch ein Hund aufheulte, war ich mit den Nerven völlig fertig. Was ging da draußen vor sich? Doch was sollte ich tun? Augen zu und durch. Stefan hatte unterdessen den Spaß seines Lebens. Die Aussicht war super, hörte ich später. Die Ochsenkarren rumpelten über die Straße, entgegenkommende Lastwagen zwangen uns auf den unbefestigten Ausweichstreifen und die Straße schien ins Nirgendwo zu führen. Doch nach ca. zwei Stunden war es geschafft. Ein mit ca. 30 Menschen beladener Pick-up, der in Deutschland offiziell für 3 Personen zugelassen wäre (ja, ich wiederhole mich), hatte uns nach Kalaw gebracht. Was für ein Erlebnis.




Ab in die Berge

Das Stadtzentrum
Wir hatten überlebt und nutzten den verbliebenen Tag, um uns im kleinen Stadtkern umzuschauen. Im Mittelpunkt des ruhigen Örtchens befindet sich der Markt, auf dem sowohl Lebensmittel als auch allerlei Krims Krams an die Frau und den Mann gebracht werden. Zu unserer großen Freude kamen wir rechtzeitig zur Melonenernte und deckten uns deshalb täglich mit einer übergroßen Frucht ein. Die meisten Restaurants und Essensstände reihen sich um das Marktgelände und bieten eine überraschend große Vielfalt. Neben traditionellen Shan-Suppen und Fleischgerichten, gibt es auch indisches und nepalesisches Essen zum kleinen Preis. Auch die meisten Gasthäuser und Hotels befinden sich im Herzen der Stadt und bieten eine Auswahl für jeden Geldbeutel. Das Angebot ist allerdings überschaubar, sodass eine Reservierung in der Hauptsaison sinnvoll sein kann. Weiter ging´s zur nahe gelegenen Aung Chang Tha Stupa, die mit Silber- und Goldmosaiken übersäht ist, und schon hatten wir die Hauptattraktionen des Stadtzentrums Kalaws gesehen.


Kurze Wanderungen
Auf weiteren kurzen Spaziergängen lässt sich die nahe Umgebung des kleinen Bergdörfchens auf eigene Faust erkunden. Eine Karte ist dabei allerdings empfehlenswert, denn den weiter unten erwähnten View Point konnten wir auch nach einer längeren Suche und Nachfragen nicht finden. Folgende kurze Wanderungen rund um Kalaw können wir empfehlen:


Um einen guten Blick auf Kalaw, den Markt und die ihn umgebenden Berge zu erhalten, bietet sich die ca. einstündige Wanderung zur Thein Taung Pagode an. Diese liegt nördlich des Union Highways und beherbergt ein buddhistisches Kloster. Der Aufstieg zur kleinen Pagode kann beschwerlich sein, doch die schöne Aussicht entschädigt für die Mühe.
Ein anderer einfacher Weg führt südlich des Marktes sowohl zur Hnee Pagode, die eine 500 Jahre alte Buddha-Statue aus Bambus beherbergt, sowie zur Shwe U Min Pagode (Shwe Oo Min Paya), die sich zusammen mit zahlreichen goldenen Buddhas in einer kleinen Höhle befindet.
Zuletzt liegt – angeblich – etwa eine Stunde außerhalb Kalaws ein View Point, von dem aus man den Sonnenuntergang über der Stadt genießen kann. Laut Information folgt man einem bergauf führenden Weg und findet an dessen Ende eine Plattform mit Unterstand. Auch wenn wir den eigentlichen Aussichtspunkt nicht finden konnten, entdeckten wir ein besonders schönes Plätzchen hoch oben in den Bergen und genossen den Sonnenuntergang mit einer obligatorischen Melone. Viel Glück bei der Suche!


Mehrtägige Wanderungen
Um einen besseren Einblick in das Leben der lokalen ethnischen Stämme – Danu, Pa-O, Palaung und Taung Yo – zu erhalten, bieten sich zwei- bis dreitägige Wanderungen in die Umgebung Kalaws an. So kannst du nicht nur abgelegene Bergdörfer besuchen, sondern wirst zusätzlich mit atemberaubenden Aussichten auf die Shan Berge belohnt.


Einige nützliche Hinweise:

GUIDES
Guides können einfach direkt vor Ort entweder rund um den Markt oder in vielen Gasthäusern und Hotels gefunden werden. Viele sind flexibel und stellen mit dir gemeinsam, deinen Wünschen entsprechend, eine individuelle Route zusammen. Achte bei deiner Suche lediglich darauf, dass der Guide gut Englisch spricht. Erfahrene Wanderer und Abenteurer können sich eigenständig auf eine mehrtägige Wanderung begeben. Dann sind allerdings eine gute Karte oder noch besser ein GPS-Gerät unerlässlich. Und denk daran, die wenigsten abgelegenen Stämme sprechen Englisch.


BESTE ZEIT 
Wanderungen rund um Kalaw können generell das ganze Jahr über unternommen werden. Allerdings bietet die kühlere Jahreszeit (Oktober – Februar) ein besseres Klima und eine vielfältigere Landschaft. Dann werden in den Bergen u. a. Orangen, Mandarinen, Ananas, Jack-Früchte, Kaffee, Ingwer und Tee angebaut. Die Umgebung leuchtet in verschiedenen Grüntönen und zahlreiche bunte Blumen zieren den Wegesrand. Unser Zweitagestrek im März brachte uns aufgrund der heißen Temperaturen fast an den Rand unserer Kräfte und auch die Aussicht auf die überwiegend trockenen, kahlen Felder war wenig abwechslungsreich.


BELIEBTESTE ROUTEN
Kalaw – Inle-See: Die zwei- bis dreitägige Wanderung von Kalaw zum Inle-See ist mit Abstand die beliebteste Route. Da sie vor allem an den letzten beiden Tagen durch eine wunderschöne Umgebung führt und an einem der Touristenhotspots Myanmars, dem Inle-See, endet, wählt die Mehrheit diesen Trek. Der Weg ist einfach, ohne große Anstiege und nur stellenweise ohne Schatten. Optional kann der angeblich eher bedingt sehenswerte erste Tag mit Hilfe eines Taxis übersprungen werden. Die Preise für diese Wanderung variieren stark. Im Durchschnitt sind für den Guide 45.000 Kyat für die gesamte Gruppe zu zahlen. Verpflegung und Unterkunft (Übernachtung im Haus einer myanmarischen Familie und einem buddhistischen Kloster) sind in den meisten Angeboten enthalten.

Kalaw – Pindaya: Eine andere, etwas seltener gewählte Wanderung führt in zwei bis drei Tagen entweder von Kalaw nach Pindaya oder in entgegengesetzte Richtung. Auch hier führt dich die einfache Wanderung vorbei an zahlreichen Dörfern der Palaung, Danu und Pa-O. Du übernachtest entweder in einem Kloster oder bei lokalen Gastfamilien und erhälst einen Einblick in das Leben der abgeschiedenen Stämme.



Wir engagierten einen Guide und entschieden uns für eine weniger bekannte Strecke, die uns in zwei Tagen fernab von Touristen zu verschiedenen kleinen Dörfern und Gemeinschaften und schließlich zurück nach Kalaw führen sollte. Am ersten Tag wanderten wir 20 km durch grüne Nadelwälder, über staubige, rote Sandpisten, vorbei an dürren, trockenen Feldern. Der Weg führte uns stetig bergauf und bot einen Ausblick über die Shan-Berge. Wir hielten in Dörfern der Pa-O, Palaung und Shan und beobachteten die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit. Besonders ein Ereignis brannte sich in unsere Gedächtnisse: Auf unserem Weg trafen wir auf eine einheimische Familie, die mit dem Bau einer kilometerlangen Straße durch die Berge beschäftigt war. Es war unfassbar. In der sengenden Hitze, bei gefühlten 40°C, sprengten die etwa vier bis fünf Männer die riesigen Felsen, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen, um kleinere Steinbrocken zu erhalten. Diese wurden von etwa acht Kindern und Frauen mit einfachsten Werkzeugen zu kleineren Steinen verarbeitet, kilometerweit geschleppt und dicht aneinander gereiht auf den präparierten Weg gelegt. Was für eine Arbeit. Und das alles erledigte eine einzige Familie von ca. 12 bis 13 Personen. Wahnsinn. Wir waren bereits mit dem bloßen Laufen überfordert, der Schweiß rann in der schwülen Luft unaufhörlich und wir hätten nicht glücklicher sein können, als wir nach ca. sechs Stunden unsere Unterkunft für die Nacht erreichten. Untergebracht in einer einfachen, traditionellen Hütte verbrachten wir die Nacht zusammen mit unseren Gasteltern und deren drei Kindern.
Auch der zweite Tag hatte es in sich. Das Thermometer kletterte bereits früh morgens über 35°C und vor uns lag eine achtstündige Wanderung. Der Weg war unzugängig und abenteuerlich. Wir kletterten steile Abhänge hinauf und hinunter, balancierten über Flüsse und versanken im tiefen, roten Staub auf den Wegen.

Unser Tipp: Besprich die verschiedenen Möglichkeiten mit deinem Guide und wähl eine Strecke, die deiner Fitness und dem Wetter entspricht. Und dann: Augen auf und staunen!


    Zusatzinformationen

    Anreise:
    Vom Inle-See:
    Nyaung Shwe – Shwenyaung: per Pick-up, ca. 30 min, 1.500 Kyat (1,00 €) p. P.
    Shwenyaung – Kalaw: per Pick-up, ca. 2 h, 3.000 Kyat (2,00 €) p. P.

    Von Yangon:
    per Bus, ca. 11 h, ca. $ 22,00 (15,00 €); per Flugzeug nach Heho, anschließend per Taxi nach Kalaw, ca. 1 h, ca. 45.000 Kyat (33,00 €) 

    Von Mandalay:
    per Bus, ca. 7 h, ca. $ 19,00 (14,00 €); per Flugzeug nach Heho, s. o. 

    Von Bagan:
    per Bus, ca. 9 h, ca. $ 22,00 (15,00 €); per Flugzeug nach Heho, s. o.

    Trekkingtour inkl. Guide: $ 15,00 (10,00 €) p. P./p. T.

    Unterkunft: Die Auswahl ist übersichtlich, dennoch sind in jeder Kategorie Zimmer zu finden.
    Budgetvariante: ca. $ 14,00 (10,00 €) p. P. Mehrbettenschlafsaal, mit Frühstück 

    Verpflegung: myanmarisch, indisch, nepalesisch, ca. $ 1,00-2,00 (0,70-1,50 €)

    Klima: heiße, trockene Jahreszeit, ca. 37 °C

Nicki
Myanmar, 21.03.2014

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen