>

Hsipaw – eine besondere Überraschung

Hsipaw, Myanmar – März 2014



Neuer Tag, neues Ziel. Diesmal stand eine Kleinstadt im nördlichen Shan-Staat auf unserem Programm – Hsipaw. Doch langweilig mit dem Bus oder Pick-up anreisen? Nein! Nicht dieses Mal. Heute quälten wir uns besonders früh aus den Betten und liefen im Morgengrauen dem Sonnenaufgang entgegen. Wohin wir uns in der Dunkelheit schlichen? Zum Bahnhof. Pünktlich um 6:30 Uhr zuckelte unser Zug in Pyin U Lwin los. Für nur $ 3,00 p. P. ging es in der Holzklasse zwischen Reissäcken, Gemüse, Obst und Hühnern in das kleine Bergdorf Hsipaw.


Aufregende Zugfahrt
Wir quetschten uns zwischen hunderte Myanmaren und wurden neugierig beäugt. Große dunkle Augen starrten uns an, leises Flüstern und Gekicher drang an unser Ohr. Ein Mann drückte mir im Vorbeigehen eines seiner Kinder in den Arm und verschwand für die nächste Stunde. So schnell wird man also Mami :-). Wir hatten einen riesen Spaß, scheuchten uns durch den gesamten Zug und bald war eine ganze Schar kleiner Jungen und Mädchen um uns versammelt.
Fast verpassten wir das eigentliche Highlight unserer Fahrt: die Überquerung des Gokteik-Viadukts. 1899 wurde die berühmte Eisenbahnbrücke von den Briten in Auftrag gegeben und schließlich von den Amerikanern gebaut. Wegen seiner technischen Perfektion und der topographischen Verhältnisse erregte die Brücke damals weltweit Aufsehen. Ein Meisterwerk von Weltstandard, auf das die Einheimischen zu Recht stolz sind. Die Überquerung wurde durch lautes Hupen angekündigt. Binnen weniger Sekunden reckten zahlreiche Köpfe aus den Fenstern und warteten gespannt auf die bis heute immer noch höchste Brücke Myanmars. Im Schritttempo fuhren wir darüber hinweg und konnten in den 111 m tiefen Abgrund schauen. Die Spannung war zum Greifen. Ein Erlebnis.
Im Anschluss herrschte eine ausgelassene Atmosphäre. Wir fühlten uns, wie auf einem kleinen Volksfest. Getränke und Essen wurden untereinander geteilt, jeder sprach durcheinander und am besten verstanden wir immer noch das gute einfache Lächeln.




Eine überraschende Einladung
Okay. Angekommen. Was nun? Hsipaw selbst hat wenig zu bieten. Eine verschlafene Kleinstadt mit wenigen Sehenswürdigkeiten. Für die meisten ist sie Ausgangspunkt für Wanderungen in die Umgebung. So auch für uns. Das Angebot ist groß. Von kurzen Spaziergängen zu mehrtägigen Trekkingtrips ist alles dabei. Spontan entschieden wir uns für eine Tageswanderung in ein 15 km entferntes Shan-Dorf.
Früh traf sich unsere kleine Gruppe – wir starteten zu dritt (Hsipaw ist bisher so unbekannt, dass die Gruppen oft sehr klein sind; häufig bestehen sie lediglich aus einem selbst und dem Guide) – und machten uns auf den Weg. Wir starteten kurz nach Sonnenaufgang, um der erbarmungslosen Mittagshitze zu entgehen. Der Weg war anstrengend. Ohne größere Pausen ging es stundenlang bergauf. Auch die Aussicht entschädigte wenig. Das Land um uns herum war trocken, ausgedörrt und staubig. Kein Baum, kein Strauch, kein Grün. Ein paar dürre Kühe und Hühner liefen umher. Wir wanderten durch zahlreiche kleinere Dörfchen und begegneten nicht einer Menschenseele.



Nach ca. vier Stunden hatten wir es geschafft. Einziger Wunsch? Schatten! Und vielleicht noch ein kühles Wasser. Aber nichts da. Irgendetwas war hier im Gange. Wir hörten Musik und Gelächter. Laut riefen alle durcheinander. Plötzlich konnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Es schien, als hätten sich sämtliche Bewohner der Umgebung auf dem Vorplatz des Klosters versammelt. Alle waren prächtig und farbenfroh gekleidet, sangen und tanzten. In ihrer Mitte saß, auf einem selbstgebauten Turm, ein kleiner, etwa zehnjähriger Junge, der von allen Seiten angehimmelt und bewundert wurde. Er war in eine Mönchskutte gekleidet, seine Haare waren rasiert. Wir erfuhren, dass zu seinen Ehren ein dreitägiges Fest stattfand, das an diesem Abend seinen Höhepunkt finden sollte. Weshalb? Keine Ahnung! Auch nach mehrmaligem Nachfragen konnten wir den Einheimischen den Grund nicht entlocken. Selbst unser Guide, der nur wenige Kilometer von hier aufgewachsen war, konnte die Sprache dieses Volkes nur bruchhaft verstehen. Viel zu viele Dialekte und Varianten des Myanmarischen wurden hier auf engstem Raum gesprochen.



Was wir allerdings verstanden: In nur wenigen Minuten mussten wir den Rückweg antreten und würden so das Fest verpassen. Etwas geknickt legten wir ein kleines Päuschen ein und gönnten uns einen kleinen Snack. Nebenbei kamen wir mit Mi Mi Khaing ins Plaudern. und wurden plötzlich eingeladen, doch einfach über Nacht zu bleiben. Es würde noch fünf weitere Gäste geben. Ja, warum eigentlich nicht? Ohne groß nachzudenken, wurde spontan entschieden: Wir bleiben! Was für ein Glück. Wir verabschiedeten uns vom Rest der Gruppe und schlenderten ein wenig durch das Dorf. Der Großteil hatte sich in die kühleren Häuser zurückgezogen und bereitete sich für den großen Abend vor. Die wenigen Hütten brachen mit all den zusätzlichen Gästen aus dem Umland fast aus allen Nähten. Sogar in den Ställen sahen wir Jungen und Männer ein Nickerchen halten. Auch wir verzogen uns zurück in den Schatten und halfen unseren Gastmami bei den Vorbereitungen. Das Haus wurde auf Vordermann gebracht und ein riesen Festmahl vorbereitet. Wir schrubbten und schnippelten Unmengen an Gemüse. Dabei lernten wir einiges über die Zubereitung myanmarischer Speisen. Es gab Papaya-Curry, scharfen Tomatensalat, Kartoffeln mit Auberginen, Tofu und Unmengen an einheimischen Gemüse. Am Abend brach der Tisch fast zusammen. Es versammelten sich zahlreiche Gäste und so wurde es zu einem langen, lauten Abendessen, bei dem alle durcheinander redeten und wir viel Neues probierten. Einmalig.



Im Anschluss bereiteten wir uns für den Höhepunkt des Festes vor. Unsere Gasteltern schmissen sich in ihre traditionelle Kleidung und putzten sich heraus. Aber was war mit uns? Da wir spontan geblieben und nicht auf die kühlen Abende in den Bergen vorbereitet waren, wurden auch wir kurzerhand in die besonderen Kleider gesteckt. Ausgestattet mit einer schwarze Hose und Jacke sowie einem hübschen rosa Gürtel brachen die Männer vor den Frauen auf. Ich erhielt einen traditionellen Longyi und ein kurzes Jäckchen. Dazu einen eng geschnürten Gürtel und einen schicken Kopfschmuck. Perfekt. Die Party konnte beginnen!
Der Vorplatz war bereits prall gefüllt, als wir aus dem Häuschen traten. Menschenmassen drängten sich aneinander vorbei und begrüßten sich herzlich. Alle waren in traditioneller Kleidung erschienen, Kinder liefen umher und überall hörte man ausgelassene Menschen singen. Der erste Programmpunkt war ein Gruppentanz, an dem alle ledigen Frauen und Männer teilnahmen. Sie tanzten im Kreis und sangen sich gegenseitig an. Anschließend wurde die Bühne eröffnet und es gab eine Menge eher weniger gelungener Gesangsbeiträge, aber auch tolle Einzel- und Gruppentänze. Die Teilnehmer bekamen von den Zuschauern, je nach Qualität, jede Mengen Papierketten, Blumen und auch Geld überreicht. Die Eindrücke überwältigten uns. Es war laut und bunt, jeder war darum bemüht, uns zu integrierten. Die Einheimischen waren neugierig, jeder sagte Hallo, schüttelte uns die Hand und bat um ein Foto mit uns. Was für ein Glück, dass wir geblieben waren. Todmüde fielen wir gegen Mitternacht ins Bett, doch das Fest war noch lange nicht zu Ende...



Als wir um 7:00 Uhr aufstanden, waren schon wieder alle auf den Beinen. Unsere Gasteltern hatten bereits im Morgengrauen Wasser aus dem Brunnen geholt, das Chaos der letzten Nacht beseitigt und ein leckeres Frühstück gezaubert. Danach schlenderten wir ein letztes Mal durch das Dorf und trafen auf einen kleinen Umzug. Mit Präsentkörben befanden sich die Bewohner und Besucher zum Abschluss des Festes auf dem Weg zum Kloster. Hier lagen bereits Unmengen an Spenden, darunter Lebensmittel, nigelnagelneue Kleidung, Decken und Kissen sowie Geld. Die Menschen hier gaben buchstäblich ihr letztes Hemd.
Wir verabschiedeten uns ausführlich und wurden natürlich nicht ohne die obligatorische Tanaka-Bemahlung, einer Rindenpaste, die als Sonnenschutz dienen soll, von Mi Mi Khaing entlassen. Mit einer neuen Gruppe traten wir den Heimweg an. Auch diesmal war der Weg anstrengend, auch wenn es überwiegend bergab ging. Die Umgebung veränderte sich nicht. Um uns herum lagen vertrocknete Felder, staubige Wege und dürres Vieh wanderte herum. Doch in unseren Köpfe hingen wir sowieso den vielen Erlebnisse des vergangenen Tages hinterher.




    Zusatzinformationen

    Anreise:
    Pyin U Lwin – Hsipaw, per Zug, ca. 7,00 h, $ 3 p. P. (ca. 2,20 €)
    Wanderung:
    $ 15,00 p. P.  (ca. 10,00 €)
    Unterkunft:
    $ 14,00 p. N. (ca. 10,00 €), 2 Personen, mit Frühstück
    Verpflegung:
    myanmarische Restaurants, ca. $ 2,00 p. P. (ca. 1,40 €)
    Klima:
    heiße, trockene Jahreszeit, ca. 35 °C

Nicki
Myanmar, 19.03.2014

Kommentare:

  1. Wow klingt nach einem tollen Erlebnis. Solche Dinge machen das Reisen aus. Ich hoffe, dass mir auch so etwas auf meine Reise passieren wird.
    Alles Liebe Jules
    www.mabelicious.com

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Jules,
    da können wir nur zustimmen - genau solche Erlebnisse machen das Reisen besonders. Wir wünschen dir ganz viel Spaß auf deiner Reise und viele einzigartige Momente.
    Viele Grüße, Nicki

    AntwortenLöschen