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Mandalay – eine gemütliche Metropole

Mandalay, Myanmar – März 2014



Mandalay, die zweitgrößte Stadt des Landes, wirkt eher wir ein zu groß geratenes Dorf. Hier ragen nur wenige Wolkenkratzer in den Himmel, am Stadtrand stehen windschiefe Hütten aus Holz und Bambus. Viele Straßen sind ungeteert, die Luft ist staubig und trocken. Mit mehr als 1,5 Mio. Einwohnern verläuft das Leben am Irrawaddy überraschend gemütlich. Der breite Strom ist die Lebensader Myanmars. Hier tummelt sich der Großteil der Menschen. Handel wird betrieben, Schiffe verladen und Sand vom Grund des Flusses abgesaugt. Das bräunlich gelbe Wasser dient sowohl Büffeln als Trinkstelle als auch Kindern und Erwachsenen als Badeort und Waschplatz.


Anreise mit Zwischenfall
Nach nur sechs Stunden Busfahrt erreichten wir das gemütliche Mandalay. Wenigstens dachten wir das. Nachdem der Busfahrer bereits verschwunden war, bemerkten wir unseren Irrtum. Wir standen mitten in der Pampa, einige Kilometer vor der Stadt. Mit Händen und Füßen versuchten wir Informationen einzuholen und ein neues Transportmittel ausfindig zu machen. Ein gerissener Pick-Up-Fahrer fand sich schnell, doch verlangte für die kurze Fahrt fast ebenso viel, wie wir gerade eben für eine sechsstündige Busfahrt ausgegeben hatten. Wir gaben unser Bestes und versuchten fleißig zu handeln, als plötzlich ein Einheimischer zu uns stieß. Mit einem Lächeln teilte er uns mit, dass wir gerade übers Ohr gehauen wurden. Danke. Das hatten wir auch schon bemerkt. Es begann eine erhitzte und ziemlich lautstarke Diskussion zwischen ihm und dem Fahrer bis der Fremde plötzlich einstieg und für uns bezahlte. Wir waren überzeugt, an der Sache ist etwas faul. Nach bereits sieben Monaten Südostasienreise waren wir auf der Hut. Wir waren vorsichtig geworden und warteten, was wohl geschehen wird. Zu unserer großen Überraschung geschah nichts. Absolut nichts. Wir erreichten die Innenstadt, der Einheimische verabschiedete sich und war genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Eine extrem eigenartige und verwunderliche Begebenheit. Gastfreundschaft? Reine Freundlichkeit? Was steckte nur dahinter?

Ein Hostel fand sich anschließend ebenso schnell und einfach, nette Bekanntschaften wurden gemacht und so klang der erste Abend gemütlich mit Bierchen, Snacks und Kartenspielen auf unserer umwerfenden Dachterrasse aus.

Was für ein guter Start.


Mandalay hat viel zu bieten
Die gelassene Atmosphäre Mandalays macht die Erkundung der Stadt besonders angenehm. Tagsüber lassen sich viele Sehenswürdigkeiten einfach zu Fuß oder per Fahrrad entdecken. Einen Drahtesel bekommst du völlig unkompliziert für wenig Geld an jeder zweiten Ecke. Du reihst dich einfach in den Strom der unzähligen Fahrräder ein und kannst problemlos die vielen kleinen Gassen erforschen. Neigt sich der Tag dem Ende zu und die Sonne verschwindet am Horizont, findet sich mit Sicherheit im Stadtzentrum der ein oder andere Gleichgesinnte mit dem man den Abend ausklingen lassen kann. Ein leckeres Abendessen an einer der vielen Garküchen, ein kühles Bier und ein nettes Gespräch runden den Tag ab. Danach fällst du sicher erschöpft, aber zufrieden ins Bett und träumst von den nächsten Abenteuern.

Bei deiner Stadterkundung sollten die folgenden Orte nicht fehlen:

  • Shwenandaw Kyaung: Eines der wenigen heute noch erhaltenen traditionellen Teakholzhäuser. Nachdem es zunächst im Königspalast als Gemach des Königs diente, wurde es 1880 abgetragen und als Kloster außerhalb der Palastmauern wieder errichtet. Die Wände und Türen sind mit unzähligen aufwendigen Schnitzereien verziert. Eintritt: $ 5,00

  • Fort Mandalay (Königspalast): Erbaut zwischen 1857 und 1859 fiel der Großteil der riesigen Tempelanlage im Zweiten Weltkrieg schweren Feuern zum Opfer. Heute sind die meisten Gebäude rekonstruiert und begehbar. Das Areal besticht vor allem mit imposanten Mauern, Wassergräben und einer weitläufigen Parkanlage. Ansonsten sind die Häuser oft leer und sagen nur wenig über die Geschichte des Landes aus. Eintritt: $ 5,00

  • Kuthodaw Pagode: Nachdem sich im 19. Jahrhundert Gelehrte an diesem Ort auf eine einheitliche buddhistische Lehrmeinung einigten, wurde in fast acht Jahren der gesamte Tipitaka – die buddhistische Lehre – auf 729 Mamortafeln verewigt. Jede dieser Tafeln erhielt in mühevoller Kleinarbeit ihren eigenen kleinen Tempel. Die aufwendige Verewigung des Textes brachte der Pagode den Beinamen "Das größte Buch der Welt" ein. Verrückt und absolut sehenswert. Vor allem im warmen Abendlicht leuchten die 729 weiß getünchten, in ordentlichen Reihen um eine goldene Pagode angeordneten Stupas besonders schön. Im Eintrittspreis ist auch der Besuch der benachbarten Sandamuni Pagode enthalten, die über dem Grab des Prinzen Kanaung errichtet wurde. Eintritt: $ 3,00

  • Handwerksbetriebe: Mandalay gilt als Stadt des Handwerks. So lassen sich in der gesamten Stadt die verschiedensten Handwerkstbetriebe besuchen. Jede Zunft hat ihr eigenes Viertel. Bei einem kleinen Spaziergang durch die Gassen kannst du in zahlreichen Werkstätten Arbeitern bei der Herstellung von Blattgold* (37., 77. und 78. Straße), beim Holzschnitzen (84. Straße, nahe Mahamuni Pagode) oder Bearbeiten von Gestein (84. Straße, nahe Mahamuni Pagode) über die Schulter schauen.

  • Mandalay Hill: Der Hotspot zum Sonnenuntergang. Hier treffen sich zahlreiche Touristen, um vom Gipfel die Sonne über der Stadt und dem Irrawaddy Fluss untergehen zu sehen. Der Aufstieg ist anstrengend, doch du wirst an unzähligen Stellen mit Einheimischen, die ihr Englisch aufbessern wollen, in ein nettes Gespräch verwickelt und kannst so ein Päuschen einlegen. Oben angekommen belohnt ein faszinierender Panoramablick die Mühe. Eintritt: $ 3,00




Mit dem Fahrrad nach Mingun
Highlights unserer Mandalay-Reise waren jedoch ganz klar die Ausflüge in die Umgebung der Stadt.

Ein Tagesausflug führte uns 40 km von Mandalay über Sagaing bis nach Mingun. Und das alles mit dem Fahrrad! Ein Leichtes, dachten wir. Doch die Sonne zeigte kein Erbarmen und erhitzte die Luft auf Backofentemperatur.
Wir starteten früh, schwangen uns auf die Leihräder, reihten uns in den dichten Verkehr  und radelten durch die kühle Morgenluft. An der ersten Kreuzung stoppten wir und beobachteten die digitale Anzeige hoch oben neben der Ampel, die die Sekunden bis zur nächsten Grünphase anzeigte – ein Hauch von Technik, eingenebelt in den allgegenwärtigen Staub der Stadt. Wir traten in die Pedale, um mit den Pick-Ups, Bussen und Toyotas mithalten zu können und sausten die riesige Hauptstraße hinunter. Bald ließen wir die Innenstadt hinter uns und erreichten den riesigen Irrawaddy, der die Millionenstadt im Westen begrenzt.
Unsere Strecke führte uns am Fluss entlang, vorbei an zahlreichen Feldern und Dörfern. Wir waren mittendrin im Gewusel, im alltäglichen Leben der Myanmaren. Weit und breit war kein einziger Tourist zu sehen. Wir sahen den Einheimischen bei ihrer täglichen Arbeit zu und waren fasziniert: Frauen, die extreme Lasten auf dem Kopf balancierten, Bauern, die mit einfachsten Werkzeugen das Land bestellten, Männer, die aus Flüssen und Brunnen Wasser für ihre Familien holten. Wir beobachteten fröhliche Kinder beim Spielen, kleine Grüppchen, die die Köpfe zusammensteckten und ein Schwätzchen hielten, Frauen und Männer, die sich an Brunnen und Flüssen wuschen. Die Eindrücke überschlugen sich. Wir waren überwältigt und mussten uns zusammenreißen, nicht alle fünf Minuten stehen zu bleiben und allzu aufdringlich zu glotzen. Doch die Menschen begegneten uns mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit. Alle lachten, winkten uns aufgeregt und riefen "Hello Mister, Hello Miss".
Schon nach 1 1/2 Stunden hatten wir unseren ersten Stopp Sagaing erreicht. Wir schlenderten über den Markt und waren begeistert. Es wimmelte von Menschen, war laut und stank furchtbar. Das Gemüse leuchtete in allen Farben, die Gewürze dufteten und ein Schweinskopf starrte uns traurig entgegen.



Trotzdem zwangen wir uns nicht allzu lange zu verweilen, denn die Mittagshitze würde bald zuschlagen. Wir schwangen uns auf die Fahrräder und waren voller Motivation. Doch es war zu spät. Die Sonne brannte und bei 38 °C im Schatten kamen wir kaum vom Fleck. Als würde das nicht reichen, durften wir uns nun zusätzlich auch noch fiese Berge hinauf quälen und erhielten zur Belohnung nur selten ein Stück, das uns bergab führte. Es war anstrengend und wir stoppen gefühlt nach jedem gefahrenen Kilometer. Entgegenkommende Mopedfahrer lachten uns an oder aus und schüttelten unverständlich mit den Köpfen. Diese Touristen...
Doch als wir ankamen, überkam uns ein enormer Stolz. Wir hatten es geschafft. Die nächste Stunde verbrachten wir quasi reglos und verschnauften. Nachdem wir wieder zu Atem gekommen waren, erkundeten wir das kleine Dörfchen Mingun. Hier lassen sich die Ergebnisse des bauwütigen und größenwahnsinnigen Königs Bodawpaya bewundern – die Reste der nicht vollendeten weltweit größten Pagode sowie die größte intakte und funktionierende, hängende Glocke der Welt. Abends ging es pünktlich zum Sonnenuntergang mit einem kleinen Bötchen zurück nach Mandalay.
Ein gelungener Tag!


Zu den Königsstädten Paleik, Inwa und Amarapura
Ein weiterer Tagesausflug führte uns in die Königsstädte Paleik, Inwa und Amarapura. Diesmal ließen wir es "ruhiger" angehen und liehen ein Moped. Wir stürzten uns das erste Mal in Myanmar ins Verkehrschaos. Die Einheimischen staunten nicht schlecht und machten große Augen. Touristen auf einem Moped, so etwas hatten sie wohl noch nicht oft erlebt.

Zur Feier des Tages – es war Stefans Geburtstag – gönnten wir uns ein riesen Frühstück mit allerlei Leckereien und starteten anschließend vollgefressen zu unserem ersten Ziel, dem Schlangentempel in Paleik. Erstaunlicherweise sollen sich hier vor vielen Jahren an einer Buddhafigur Pythonschlangen niedergelassen haben. Nachdem wir uns mehrmals verfuhren (doch natürlich ist der Weg das Ziel) und die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, standen wir plötzlich tatsächlich im Tempel und bewunderten die eleganten Tiere – drei riesige Pythons, die sich kaum bewegten. Die netten Myanmaren wollten uns sofort den gesamten Tempel zeigen und seine Geschichten erzählen, natürlich ohne ein einziges Wort Englisch zu sprechen.
Weiter ging es nach Inwa, wo wir leider auf eine Horde gut betuchter Touristen in Socken und Sandalen trafen, die sich von erbärmlich aussehenden Pferdekutschen durchs Dorf kutschieren ließen. Zum Glück hatten wir uns kleines Klappermoped und konnten so dem Touristenstrom entgehen. Wir besichtigten ein wunderschönes Kloster, welches komplett aus Teakholz erbaut worden war und mit aufwendigen Schnitzereien verziert ist. Hier trafen wir auf einen zuckersüßen und aufgeweckten kleinen Jungen, mit dem wir ewig unsere Späße trieben. Sehr zum Missfallen seiner Mutter vergaß er völlig den ankommenden Touristen seinen Krims-Krams anzudrehen. Stefan konnte sich kaum trennen.



Doch zum Schluss erwartete uns das Highlight. Wir machten uns auf nach Amarapura. Allein die Anfahrt war grandios. Wir waren wieder mitten im Gewusel der Einheimischen. Unter einem großen Baum legten wir einen Stopp ein und beobachteten das rege Treiben.
In Amarapura angekommen, hatten wir wieder einmal riesen Glück. An der längsten Teakholzbrücke der Welt wollten wir es uns gemütlich machen und den Sonnenuntergang genießen. Doch von Ruhe und Beschaulichkeit konnten wir hier nur träumen. Der Parkplatz war voll. Ein Touristenbus neben dem anderen. Wir ließen uns die Laune nicht verderben, statteten uns mit einer riesen Wassermelone und zwei kühlen Colas aus und machten uns auf die Suche nach einem lauschigen Plätzchen. Angekommen auf der ruhigeren Seite, inmitten eines riesigen Feldes, wurden wir fündig: In einem verlassenen Restaurant saßen eine handvoll Myanmaren und genossen ihren Feierabend. Sie boten uns zwei Stühle, einen Tisch, Teller und Servietten an. Wir gesellten uns gern dazu, setzen uns direkt ans Ufer des Flusses und waren völlig ungestört. Die Melone wurde geschlachtet und zum Dank mit den netten Jungs geteilt. Es war einmalig. Der Ausblick gigantisch. Langsam verschwand die Sonne hinter der ewig langen Teakholzbrücke und tauchte alles in ein wunderschönes Rot.

Es waren tolle Tage in Mandalay. Eine Reise in diese gemütliche Metropole lohnt sich auf jeden Fall!

    Zusatzinformationen

    Anreise:
    Bagan – Mandalay, per Bus, ca. 6 h, 7.500 Kyat p. P. (ca. 5,00 €)
    Mobilität:
    Moped: 10.000 Kyat p. T. (ca. 7,00 €)
    Unterkunft:
    $ 17,00 p. N. (ca. 12,00 €), 2 Personen, mit Frühstück
    Verpflegung:
    myanmarische Garküchen, ca. $ 2,00 p. P. (ca. 1,50 €)
    Klima:
    Beginn der heißen Jahreszeit, ca. 35 °C


Nicki
Myanmar, 5. April 2014


* Insgesamt neun Stunden hämmert ein Arbeiter auf ein 25-Gramm-Stück 24-karätiges Gold ein, bis die Blättchen so dünn sind, dass sie in der Luft schweben könnten. Der Bedarf der Myanmaren an dem hauchzarten Blattgold ist gigantisch. Die unzähligen Pagoden, Stupas und Buddha-Statuen, die das Land übersäen, sind mit dem kostbaren Metall überzogen. Die buddhistischen Gläubigen (fast 90 % der Bevölkerung) hoffen ihr Karma, ihr Lebenskonto der guten Taten, damit aufbessern zu können, auch wenn sich viele gerade einmal den täglichen Reis leisten können.

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