>

Stillstand




Am 26. März 2014 kamen wir in Perth, Australien, an. Nach acht Monaten Rundreise in Asien waren wir völlig pleite, ausgepowert und ohne jeglichen Schimmer, wie es weitergehen sollte.
Doch nun, nahezu genau ein Jahr nach unserer Ankunft, heißt es bald wieder Abschied nehmen. Unsere Zeit in Perth ist zu Ende. Unsere Reisekasse ist wieder gut gefüllt, unsere Reiselust immens. In den letzten Wochen wurden wir hibbelig. Was war aus unseren Träumen geworden? Plötzlich saßen wir wieder fest. Der Alltag hatte sich eingeschlichen.


Die Rückseite der Medaille
Eine Rucksackreise ist aufregend. Jeder Tag ist spannend. Jeder Tag bringt neue Menschen, Erlebnisse und Erfahrungen. Doch eine Rucksackreise ist auch anstrengend. Sie zehrt an den Kräften. Fast täglich waren wir auf der Suche nach einer neuen Unterkunft, zogen durch die Straßen, packten den Rucksack ein und aus. Ein neues Hostel, ein neues Bett, eine neue Umgebung. Die Zeit raste. Unzählige Eindrücke prasselten auf uns ein. Fremde Sprachen, fremde Gerüche, fremde Geschmäcker. An jeder Ecke lauerte eine neue Herausforderung: Wie kommen wir zum Bahnhof? Weshalb grummelt mein Magen unaufhörlich? Und warum jucken meine Beinen seit Tagen? Wir kämpften uns durch, verständigten uns mit Händen und Füßen, waren auf fremde Menschen angewiesen. Und irgendwann waren wir müde. Ausgepowert. Wir konnten nicht mehr. Wir sehnten uns nach Ruhe. Ruhe und Stille.

Und so kam uns der Tapetenwechsel ganz recht. Unsere Pläne und Hoffnungen waren groß. In Australien sollte alles anders werden. Entschleunigung! Sinnfindung! Interessen wecken! Bewusster leben! Das hatten wir uns vorgenommen.


Es kommt anders, als man denkt
Die Realität sah leider anders aus. Plötzlich schufteten wir von Montag bis Freitag in einem 44 Stunden/Woche Job. Wir schleppten uns von Wochenende zu Wochenende, waren oft zu müde, um die wunderbare Umgebung zu erkunden. Zudem waren die Wochenenden zu kurz, um sich wirklich zu erholen, zu relaxen, die Zeit zu genießen. Geld war uns inzwischen wieder furchtbar wichtig geworden. Wir wollten mehr und immer mehr. Wir wollten so viel wie möglich anhäufen, um anschließend so lange wie möglich unabhängig zu sein. Doch wann war es genug?

Das hier hatte nichts mehr mit dem zu tun, was wir uns vorgenommen, gewünscht hatten. Willkommen zurück im Hamsterrad! All die schönen Vorsätze. Sie waren vergessen. Wir hetzten von einem Termin zum nächsten, verglichen uns mit anderen Reisenden und verbrachten plötzlich wieder unsere freie Zeit liebend gern in Shoppingzentren. Es war schwer, den Fängen der Werbung zu entgehen. Sie verlieh uns das Gefühl, neue Kleidung, Kosmetik und Technik zu brauchen. Und schon waren wir wieder drinnen im Strudel.


Waren wir gescheitert?
Eines Nachts, nach einer der häufiger werdenden Auseinandersetzungen, war es genug. So konnte es nicht weiter gehen. Das ist nicht der Sinn unserer Auszeit. Wir lebten wieder genau so, wie wir nicht leben wollten. Das Gefühl gescheitert zu sein, verstärkte sich. Wir fühlten uns schwach und unfähig, dem Druck der Werbung und Gesellschaft zu entgehen. Eine Entscheidung fiel: In genau vier Wochen werden wir wieder aufbrechen! Wir wollen unseren Van bepacken und losziehen. Wohin? Nach Norden. Das ist der Plan. Wir haben ein Bett, zwei Kochplatten, ein paar Lebensmittel und viel Lesestoff.

Und da ist es wieder. Dieses Kribbeln. Die Aufregung. Die Vorfreude. Wir werden wieder auf Reisen sein, nicht mehr wissen, was am nächsten Tag passieren wird. Es steht uns alles offen. Wir werden wieder neue Dinge bestaunen, atemberaubende Landschaften entdecken, Menschen aus aller Welt kennen lernen. Wir werden frei sein, die unendliche Weite Australiens vor uns.


Neuanfang 
Doch es wird anders werden. Das steht fest. Wir werden nicht, wie in Asien, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit reisen. Sightseeing wir kaum eine Rolle spielen. Auch Restaurant- und Barbesuche werden wir uns nur noch sehr selten leisten können. Ebenso wenig wie Kino, Theater und Co. Und noch etwas wird sich ändern. Wir werden mit einem eigenen Fahrzeug unterwegs sein – unserem Gerdi. Damit können wir unseren Tagesablauf völlig frei bestimmen. Wir können in die Weite hinaus fahren und allein sein. Endlich zur Ruhe kommen? Hoffentlich! Neues Land, doch die selben Hoffnungen. Wir wollen die Seele baumeln lassen, Kraft tanken, uns über unser Leben Gedanken machen. Es geht nicht mehr darum, möglichst viel zu sehen und zu erleben.



Plötzlich bin ich komplett wach. Sonntagmorgen, früh um 4.00 Uhr. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und versuche die gemeinen Gedanken meines bösartigen Gewissens zu verdrängen. Ich will mir meine Vorfreude nicht verderben lassen. Wenn wir nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, was werden wir dann tun? Wie werden wir unseren Alltag füllen? Plötzlich war ich von unzähligen Fragen umgeben. Überall liest man doch wie toll das Nomadenleben ist und wie wunderbar sich die Freiheit anfühlt. Doch mein Kopf gibt keine Ruhe. Wie werdet ihr euer Leben gestalten? Was werdet ihr unternehmen? Wie genießt ihr jeden Augenblick, wenn sie in einer solchen Fülle vorhanden sind? Welche Momente werden denn da noch besonders sein? Wird euer Leben einen Sinn haben? Da schleicht es sich auf einmal in meine Gedanken: Wird es etwa langweilig werden?

Das trifft mich völlig unvorbereitet. Langeweile? Das kann nicht sein. Oder etwa doch? Und da sind sie wieder, die lieben Zweifel. Wird man sie eigentlich irgendwann los? Ich versuche wieder einzuschlafen und mich auf unsere baldige Weiterreise zu freuen. Doch das Teufelchen auf meiner Schulter lässt mich nicht zur Ruhe kommen...


Nicki
Australien, 01.04.2015

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen