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Die letzte Wildnis – Abenteuer auf der Gibb River Road

Gibb River Road, Australien – Juni 2015


Die Kimberley – eine „kleine“ Region im äußersten Norden Westaustraliens ist mit mehr als 420.000 km² größer als unser Heimatland Deutschland. Und doch, schauen wir auf eine Landkarte, lassen wir uns immer wieder täuschen. Die Kimberly sieht winzig aus. Hier leben gerade einmal 41.000 Menschen im durchschnittlichen Altern von 30 Jahren, mehr als ein Drittel sind Ureinwohner. Weite Gebiete der Kimberly sind aufgrund des unwegsamen Terrains kaum erreichbar. Im Süden liegen Höhenzüge und Wüsten, im Norden eine 2.000 km lange, fjordartige Küste mit Gezeitenunterschieden von bis zu 12 m. Die einzigen „größeren“ Städte sind Broome im Westen sowie Kununurra im Osten. Doch beide haben mit weniger als 14.000 Einwohnern eher das Flair einer verschlafenen Kleinstadt. 

Neben dem Highway, der Hauptverkehrsstraße, gibt es nur eine weitere Strecke – die 650 km lange Gibb River Road. Eine Schotterpiste, die von Derby nach Wyndham quer durch die Kimberly führt und nur rund ein Dutzend Abzweigungen hat. „Die letzte echte Wildnis“, wie unter Einheimischen gemunkelt wird. Wir horchten auf. Das klang genau nach etwas, was uns interessieren könnte. „Ein gut ausgestatteter Geländewagen ist für diese Piste unumgänglich.“ Okay. Damit hatte sich das Ganze für uns wieder erledigt. Wir vergaßen die Gibb River Road für eine Weile. Bis wir Anfang Juni diesen Jahres tatsächlich die Kimberly erreichten und die Erzählungen über diese einzigartige Strecke uns immer mehr anstachelten. Die Gibb River Road zu bereisen, das soll eines der besten Outback-Abenteuer Australiens sein.




In den 60ern erbaut, diente die Straße dem Viehtrieb. Zunächst trieben „Stockmen“ riesige Rinderherden zu den Verladehäfen nach Derby und Wyndham, später übernahmen Roadtrains den Viehtransport. Im Laufe der Jahre wurde die Strecke von Touristen entdeckt. Heute ist die „letzte Wildnis“ vor allem entlang der Hauptroute und in der Hauptsaison (Juni – August) alles andere als unbefahren und abgelegen. 

Das Tolle: Von der Gibb River Road führen huckelige Pisten zu den landschaftlichen Highlights der Kimberly.




Der Haken: Die Straße wird zwar kontinuierlich gepflegt und ausgebessert, doch sie sollte nur mit einem gut ausgestatteten Geländewagen befahren werden. Unebener Boden, Querrillen, scharfe Felsen und mehrere Flussüberquerungen können das Fahren zu einer Tortur machen. Reifenplatzer und gebrochene Achsen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Bleibst du stehen, kostet dich das Abschleppen ein Vermögen. Je nach Zustand können darüber hinaus Abschnitte oder die komplette Straße gesperrt sein. Und zu guter Letzt sind auch Einkaufs- und Tankmöglichkeiten stark beschränkt. Lediglich zwei Tankstellen und drei kleinere Tante Emma Läden versorgen dich mit dem Nötigsten (für einen entsprechenden Preis).










Die negativen Aspekte überwiegen? Unser Gerdi ist so weit von einem Geländewagen entfernt wie die Erde vom Mond? Eine Panne könnte unseren Ruin bedeuten? Richtig. Und doch wagten wir das Abenteuer! Nenn uns verrückt oder Traumtänzer. Die einzigartige Landschaft und unzähligen wunderschönen Schluchten konnten wir uns einfach nicht entgehen lassen. 



Das Abenteuer beginnt 
Es ging los. In Broome horteten wir so viele Lebensmittel, wie wir konnten. Wir deckten uns zudem mit zwei neuen Vorderreifen und einem Reserverad ein. Unsere Planung war akribisch. Wir wussten genau, wie viele Kilometer zwischen den einzelnen Sehenswürdigkeiten lagen, wie weit wir fahren konnten, um es bis zur nächsten Tankstelle zu schaffen und wo uns die schwierigsten Abschnitte erwarteten. Vor allem der gefürchtete Pendecost River am Ende der Strecke machte uns zu schaffen. Konnten wir diesen nicht überqueren, würde das für uns bedeuten: umkehren und die gesamte Strecke wieder zurück fahren. Das wollten wir auf keinen Fall. 

Aufgeregt und voller Vorfreude starteten wir unser Abenteuer. Und doch, ein wenig Nervosität begleitete uns die gesamte Zeit. Wir nahmen einen kleinen Umweg, denn wenn wir diese Straße schon befahren, dann richtig. Auch die weit abgelegenen Nationalparks Windjana Gorge und Tunnel Creek wollten wir nicht verpassen. Schließlich sollten hier zahlreiche Süßwasserkrokodile in der Sonne dösen und man kann Jahrhunderte alte Felsmalereien bestaunen. 70 km bis zum ersten Ziel. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 80km/h. Eine Zahl, die für uns in jeglicher Ferne lag. Die Straße war in einem schlechten Zustand. Und zwar in einem wirklich schlechten. Querrillen erschwerten uns das Vorrankommen. Schlaglöcher und riesige Steine machten es nicht einfacher. Und plötzlich, nach gerade einmal 20 km Fahrt, standen wir vor einem tiefen Wasserloch. Mir fiel die Kinnlade nach unten. Ist unser Abenteuer etwa hier schon zu Ende? Da hielt auf einmal eine nette Familie neben uns. Die Reifenhöhe ihres Wagens lag in etwa auf unserer Augenhöhe. Ein Monster von einem Auto. Wir erwarteten abfällige Bemerkungen und Unverständnis für so viel Dummheit unsererseits. Doch wir wurden freundlich begrüßt und sie boten uns Hilfe an. Zusammen wateten wir durch das Wasserloch und erkundeten die Tiefe. Wir überlegten hin und her: Kann unser Gerdi das schaffen? Folgender Plan wurde ausgeheckt: Die Familie fuhr als erste durch die riesige Pfütze, wir banden ein Seil an unser Auto und wagten die Durchfahrt. Sollten wir steckenbleiben, würde uns das Monsterauto herausziehen. Doch zu unser aller Erstaunen – Gerdi biss sich durch und überstand das erste Hindernis ohne Probleme. Es würden noch viele weitere vor uns liegen. Doch ebenso werden wir auch noch auf mindestens genauso viele hilfsbereite, neugierige und erstaunte Menschen treffen, die uns ungläubig ihre Hilfe anbieten. 



Ein beschwerlicher Weg 
Für die ersten 70 km benötigten wir ganze 5 Stunden. Ja, wir waren langsam. Konnten oft nicht mehr als 20km/h fahren. Der Staub wehte ins Auto, doch die Fenster bei dieser Hitze zu schließen – unmöglich. Wir klebten jede noch so kleine Ritze mit Klebeband zu, doch der rote Staub drang in jede Pore. Unsere Lebensmittel, unsere Kosmetikartikel, jeder noch so kleinste Gegenstand im Auto war von einer Staubschicht überdeckt. Für die gesamte Strecke, Derby bis Wyndham, mit zahlreichen Umwegen zu den wundervollen Schluchten benötigten wir insgesamt zwei Wochen. 900 km in 14 Tagen. 

Ein Alptraum? Nicht im Geringsten. Wir haben jede Sekunde geliebt. Die Gibb River Road zählt mit Abstand zu unseren Highlights in ganz Australien (ein weiteres Highlight: der Karijini Nationalpark). Sicher sind wir auch deshalb so langsam vom Fleck gekommen. Ja, die Strecke ermöglichte uns nur ein langsames Reisen, doch die Hauptschuld trifft mit Sicherheit die wunderschöne Natur. Diese begeisterte uns so sehr, dass sie unsere Schritte zusätzlich verlangsamte. Wir hielten an jeder wunderschönen Schlucht, verbrachten Stunden, manchmal Tage an einem Ort. Auf so kleinem Raum, gab es so unendlich viel zu entdecken. Und dann lag er plötzlich vor uns, der Pendecost River. So sehr gefürchtet. Er hatte uns die gesamte Zeit im Nacken gesessen. Er sah nicht besonders tief aus. Doch da er einige hungrige Bewohner hat – viele lauernde Krokodile – war es diesmal nicht möglich ihn vorher zu durchwaten und zu erkunden. Augen zu und durch? Gesagt, getan! Wir zitterten und bangten. Doch Gerdi meisterte auch dieses Hindernis bravourös. Wir hatten es geschafft. Das Schlimmste lag hinter uns. Doch als unsere Reise auf der Gibb River Road nach zwei Wochen endete, waren wir in einer komischen Stimmung. Wir wollten sofort wieder zurück und diese Strecke noch einmal fahren. 



Was uns so lange aufgehalten hat? Es ist die Schuld dieser Schönheiten:

Lennard Gorge: Eine kleine, eher unbekannte, Schlucht, die der Lennard River in die King Leopold Ranges geschnitten hat. Sehr idyllisch und ruhig. Lädt zum längeren Verweilen und Erkunden ein. 

Bell Gorge: Die Bell Gorge ist die wohl bekannteste Schlucht entlang der Gibb River Road. Dementsprechend voll kann es in der Hauptsaison werden. Doch es ist einfach zu schön, um die Gorge auszulassen. Hier ergießt sich der Bell Creek in einer Kaskade in mehrere Becken. Ab dem Parkplatz führt ein schmaler Trampelfpad durch steinige Graslandschaft, über mehrere Bachläufe und schließlich auch über den Bell Creek. Hier kannst du zum Fuße des Wasserfalls hinabklettern und ein erfrischendes Bad nehmen. Rechter Hand hast du die Möglichkeit dem Flusslauf hinab zu folgen, weitere Pools zu entdecken und den Touristenmassen zu entgehen. 



Adcock Gorge: Unsere Lieblingsschlucht. Nur wenige Besucher finden ihren Weg hier her. Sie liegt ein wenig versteckt und ist schlecht ausgeschildert. Unser Glück. Denn wir hatten die Gorge für uns und verbrachten so einen gesamten Tag hier. Der Pool bietet Erfrischung, die Felswände sind perfekte Sprungplattformen und im weichen Gras lässt sich die Sonne genießen. 



Galvas Gorge: Eine idyllische Wasserstelle, die allerdings direkt an der Gibb River Road liegt und damit von vielen besucht wird. Nach nur 1,5 km Fußweg gelangt man zum herrlichen Wasserfall mit relativ großem Pool. Auch hier kannst du ein erfrischendes Bad nehmen, an einem Springseil Tarzan spielen, eine Dusche unter dem warmen Wasserfall genießen oder von den zahlreichen Felsvorsprüngen springen. 

Manning Gorge: Nach der Bell Gorge zählt diese zu den Highlights der Gibb River Road. Nachdem du zunächst den Manning River durchwatest oder dich mit einem Bötchen zum anderen Ufer ziehst, führt der Weg 3 km oberhalb des Flusses entlang. Der Wasserfall belohnt die Mühe. Er ist atemberaubend und bietet einen riesigen Pool zum Schwimmen sowie mehrere kleinere Ecken für ein Picknick. Für Abenteuerlustige: Auch ein unmarkierter Pfad direkt entlang des Flusses führt zum Ziel. Hier ist allerdings ein wenig Klettern, Springen und Schwimmen angesagt. 



El Questro Wilderness Park: Dieser privat geführte Park liegt am östlichen Ende der Gibb River Road. Von Wyndham oder Kununurra aus, ist er auch ohne Geländewagen erreichbar. Er hat zahlreiche Wanderwege und Aktivitäten zu bieten. Unser Highlights waren folgende:
    El Questro Gorge: Hier ist der Weg das Ziel. Der Pfad ist traumhaft, aber auch ein wenig anstrengend. Du kletterst über zahlreiche Steine und Felsen und durchquerst mehrere Male ein kleines Flüsschen. Überall wuchern die schönsten und grünsten Pflanzen und ab und an scheint die Sonne durch die dichten Baumkronen. 
    Zeebedee Springs: Oh mein Gott. Diese heißen Quellen waren zum Abschluss das einzig Wahre. Inmitten einer wunderschönen Kulisse befinden sich winzige Pools, in denen du dich fühlst, wie in einer Badewanne. Reinsetzen und nicht mehr bewegen. Doch sei gewarnt: Es wird voll. Unsere Tipps: Früh da sein und nicht damit rechnen, die heißen Quellen für dich allein zu haben. 
    Emma Gorge: Eine kleine feine Schlucht. Der relativ kurze Weg bringt dich zu einem kühlen Pool mit einem hohen Wasserfall. Am besten vormittags besuchen, um das erfrischende Bad noch mit genügend Sonnenschein zu genießen. 



So tapfer unser Gerdi die gesamte Zeit war, ein Highlight der Kimberly konnten wir nicht erreichen: das Mitchell Plateau. Es liegt am Ende der wahrscheinlich längsten Sackgasse der Welt: Die Kalumburu Road zweigt nach 416 km östlich von Derby und 240 km westlich von Kununurra von der Gibb River Road ab und führt nach 290 km zum Mitchell Plateau Nationalpark. Der Zustand der Straße verschlechterte sich hier noch einmal immens. Das ist möglich? Hätten wir auch nicht gedacht. Mutige berichteten jedoch von tiefen Gräben, Wasserlöchern und riesigen Felsen. Schon Tage zuvor kamen uns immer wieder Geländewagen entgegen, die nach wenigen Kilometern aufgegeben hatten und zurückgefahren waren. Wir wagten nicht einmal einen Versuch. Man muss sein Glück ja auch nicht bis ans Äußerste strapazieren :-). 

So gibt es wenigstens einen Grund zurück zu kehren! Gibb River Road, wir kommen wieder! Vielleicht das nächste Mal mit einem Geländewagen. 


Du hast noch nicht genug? Dann gibt es HIER noch mehr Fotos und HIER unser Video zu Western Australia. 


Was meinst du? Auf zur Gibb River Road? Oder hast du sie schon erkundet und warst genauso begeistert wie wir? Welche ist deine Lieblingsschlucht?


Nicki
Australien, 16.12.2015


Quelle: Dehne, Anne / Melville, Corinna (2014): Australien. 10., vollständig überarbeitete Auflage. Ostfildern: DuMont Reiseverlag.

Kommentare:

  1. Ein tolles, erlebnisreiches Erlebnis.... must do. Zuvor vielleicht einen Rundflug von Kununnarra zu den Bungles - Bungles. Danach noch schön Zeit in Broome nehmen, und Malcom Dougles besuchen ...über eine Woche Natur, Ursprünglichkeit, die nettesten Menschen. ....
    Oh, ich habe Sehnsucht ....
    Joachim

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    1. Da kann ich nur zustimmen. In Broome sollte man auch unbedingt die Dampier Peninsula mitnehmen. Wunderschön!
      Liebe Grüße, Stefan

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  2. I survived the GRR. Den Aufkleber kann man anschliessend in Derby oder Kununurra kaufen. LG, Dennis

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    1. Diesen Aufkleber mussten wir uns einfach kaufen. Wir, vor allem unser Gerdi, hat es überlebt!
      Liebe Grüße, Stefan

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  3. Westcoast - einfach nur traumhaft.
    Juliane (via facebook)

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    1. Absolut. Dem kann ich nur zustimmen! Die Westküste sollte man sich nicht entgehen lassen.
      Liebe Grüße aus Tasmanien

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  4. True! Lohnt sich auf jeden Fall :-).
    David (via facebook)

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    1. Wie schön, dass uns so viele zustimmen. Vielen Dank!
      Ganz liebe Grüße, Nicki

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  5. Nun hab auch ich den Bericht über die Gibb River Road gelesen, das wäre auch mein Ding. Vielleicht klappts ja noch mal - Gruß Pappsler

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    1. Das wär definitiv etwas für dich! Wir kommen einfach zusammen noch einmal wieder, leihen uns einen fetten 4wd und erobern die Gibb River Road!
      Liebe Grüße nach Deutschland,
      Stefan

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