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Mindfulness ist nichts Besonderes – Teil II




"Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich, und wenn ich gehe, dann gehe ich." (Grün 2001) Das antwortete ein Zen-Mönch auf die Frage nach seiner Medidationspraxis. Der Fragende war erstaunt und meinte: "Aber das ist doch nichts Besonderes, das tun wir doch alle." "Nein", sagte der Mönch, "wenn du sitzt, dann stehts du schon. Und wenn du stehst, dann bist du schon auf dem Weg." (ebd.)


Mindfulness in einem Satz
Den Begriff Achtsamkeit kurz und bündig zusammenzufassen, ist nicht besonders einfach. Verschiedene Awendungsgebiete verwenden in der Regel unterschiedliche Definitionen. Eine meiner Ansicht nach gute und handhabbare Kurzfassung ist folgende: Mindfulness ist die dem Menschen angeborene Fähigkeit sich dem aktuellen Moment voll und ganz zu widmen. Achtsamkeit ist demnach etwas ganz Alltägliches. Nichts Besonderes.




Wer es etwas ausführlicher mag, kann HIER (Teil I – Die einfache Bedeutung hinter einem abstrakten Begriff) noch einmal genauer nachlesen.


"Wo kommt das denn auf einmal her?"  Achtsamkeit und ihr Ursprung in der Lehre des Buddhismus
Beschäftigt man sich mit dem Thema Mindfulness, spielt die Herkunft eine bedeutende Rolle. Wer hat´s erfunden? Die Schweizer? 
Um es kurz zusammenzufassen: Nein, es waren nicht die Schweizer. Das Konzept der Achtsamkeit ist um einiges älter. Um seine Wurzeln zu ergründen, muss man weit in der Gesichte zurückgehen. 

Achtsamkeit geht zurück auf den klassischen Buddhismus, wie er seit Siddhartha Gautama (ca. 563 v. Ch.), dem Begründer des Buddhismus, in Indien gelehrt wird. Als einer der zentralen Begriffe im Buddhismus taucht er in einer der wichtigsten Lehrreden des Buddhas auf, dem "Edlen Achtfachen Pfad". Als vierte der "Vier Edlen Wahrheiten" des Siddhartha Gautama gibt diese eine Anleitung zum Gewinn der Erlösung. Die "Rechte Achtsamkeit" ist darin eine der acht Weisheiten, die den Übergang in das Nirwana ermöglichen sollen. Das Prinzip der Achtsamkeit und ihre Praxis sind hier vermutlich zum ersten Mal in der Gesichte der Menschheit niedergeschrieben. Die "Vier Grundlagen der Achtsamkeit" sind demnach:
    1. die Achtsamkeit auf den Körper,
    2. die Achtsamkeit auf die Gefühle und Empfindungen, 
    3. die Achtsamkeit auf den Geist sowie
    4. die Achtsamkeit auf die Geistesobjekte (d. h. alle äußeren und inneren Objekte und Dinge, die im Moment wahrgenommen werden) (vgl. Thich Nhat Hanh 1990).

"Rechte Achtsamkeit" beinhaltete damit das Gebot, die Umwelt und sich selbst bewusst zu erleben. Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft sollen losgelassen werden, denn erst dann kann jeder Augenblick gelebt werden, wie er ist.

Damit könnte man es abhaken. Klingt ja auch alles ganz schön kompliziert. Hätten nicht ein paar schlaue Köpfe doch in die Vergangenheit geschaut, das Konzept der Achtsamkeit wieder heraus gekramt und es heute in den verschiedensten Bereichen angewendet.


"Und wozu ist das heute gut?" - Achtsamkeit in der westlichen Welt 
Es dauerte viele hundert Jahre bis das Konzept in der westlichen Welt Aufmerksamkeit erhielt. Erst in den 1960er Jahren nahm das Interesse am Einsatz von Meditationstechnicken zunächst in den Bereichen der Medizin und Psychologie zu. Aspekte der Achtsamkeit wurden dabei vor allem in der Psychotherapie, wie z. B. der Psychoanalyse und der Gestalttherapie, angewendet (vgl. Bundschuh-Müller 2004). Erste wissenschaftliche Studien folgten ab den späten 1970er Jahren. Einen entscheidenden Einfluss hatte hierbei die Arbeit des amerikanischen Medizinprofessors Jon Kabat-Zinn, der Achtsamkeitstechniken zunächst bei Patienten mit chronischen Schmerzen einsetzte (vgl. Kabat-Zinn 1982). Seitdem nahm das Forschungsinteresse am Thema stetig zu und es wurden weitere Therapieansätze entwickelt, die Techniken der Achtsamkeit einsetzen (vgl. Keng / Smoski / Robins 2011). Inzwischen wird das Prinzip Mindfulness im Rahmen der Therapie und Prävention bei einer Vielzahl verschiedener psychischer und körperlicher Störungen eingesetzt. 
Doch dabei ist es längst nicht geblieben. Auch die Gebiete Erziehung und Sozialarbeit sowie juristische Fachbereiche haben das Konzept der Achtsamkeit für sich entdeckt. Darüber hinaus bieten auch große Unternehmen wie Google und Target Achtsamkeitstechniken für ihre Mitarbeiter an.

Du siehst, Achtsamkeit hat die Welt erobert. Und so kam dieses kleine Wörtchen letztendlich auch zu mir – zum ersten Mal ganz bewusst während meiner Teilnahme an einem Meditationsretreat in Thailand (Let the silence begin - Ein Erfahrungsbericht über einen Meditationsretreat in Thailand). Am Anfang ohne Bedeutung hat es mich nicht mehr losgelassen und geistert mir seitdem fast täglich im Kopf herum. Wieso eigentlich? Was bringt mir Mindfulness?


"Was bringt mir das Ganze nun?" - Die Wirkung von Mindfulness
Während die einen mit fester Überzeugung an den Nutzen von Achtsamkeitstechniken glauben, sind andere eher skeptisch. Einen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg für den positiven Nutzen gibt es bis heute leider nicht. Ospina u. a. führten für das Ministerium für Gesundspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten eine umfassende Untersuchung durch, in der sie die Ergebnisse aller bis 2005 veröffentlichen Studien zu Meditation und Gesundheit zusammenfassten und bewerteten. Von 813 gefunden Studien untersuchten 147 die Achtsamkeitsmeditation. Ospina u. a. kamen zu dem Schluss, dass es zwar Hinweise auf die Wirksamkeit von Meditationstechniken, vor allem bei Gesunden, gebe, doch aufgrund der mangelnden Qualität der meisten Studien keine sicheren Aussagen bezüglich der Wirkung von Meditation auf die Gesundheit möglich sei (vgl. Ospina 2007). Auch Autoren anderen Übersichtsarbeiten bemängeln die mangelhafte methodische Qualität vieler Studien in diesem Bereich. Allerdings kamen auch diese zu dem Ergebnis, dass es Hinweise gebe, Achtsamkeitstraining würde sich günstig auf verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit, wie z. B. Stimmung, Lebenszufriedenheit, Emotionsregulation und das Ausmaß psychischer Symptome, auswirken. Mindfulness führe demnach zu einem erhöhten Wohlbefinden und einem verbesserten Umgang mit Stress (vgl. Keng / Smoski / Robins 2011; vgl. Baer 2003).

Tja, was nun? Wie es aussieht bekommen wir keine eindeutige wissenschaftliche Bestätigung. Es bleiben uns zwei Möglichkeiten: Wir vergessen den ganzen Quatsch und widmen uns wieder wichtigeren Dingen oder wir sind todesmutig, probieren es einfach mal aus und vertrauen auf uns selbst.


Hier findest du alle Teile unserer Reihe "Mindfulness ist nichts Besonderes":



Nicki
Australien, 05.11.2015


Literatur- und Quellenverzeichnis
BAER, Ruth A. (2003): Mindfulness Training as a Clinical Intervention: A Conceptual and Empirical Review. In: Clinical Psychology: Science and Pracice. 10 (2), 125–143.
BUNDSCHUH-MÜLLER, Karin (2004): "Es ist was es ist sagt die Liebe..." Achtsamkeit und Akzeptanz in der Personenzentrierten und Experimentellen Psychotherapie. In: Heidenreich, Thomas / Michalak, Johannes (Hrsg.): Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie, Ein Handbuch. Tübingen: DGVT, 405-455.
GRÜN, Anselm (2001): Das kleine Buch vom wahren Glück. Freiburg: Herder.  
KABAT-ZINN, Jon (1982): An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: Theoretical considerations and preliminary results. In: General Hospital Psychiatry. 4 (1), 33-47.
KENG, Shian-Ling / SMOSKI, Moria J. / ROBINS, Clive J. (2011): Effects of mindfulness on psychological health: A review of empirical studies. In: Clinical Psychology Review. 31 (6), 1041–1056.
OSPINA, Maria B. u.a. (2007): Meditation Practices for Health: State of the Research. AHRQ Publication No. 07-E010, Rockville MD: Agency for Healthcare Research and Quality. (abrufbar auf http://www.ahrq.gov)
TICH NHAT HANH (1990): Umarme deine Wut. Sutra der vier Verankerungen der Achtsamkeit. Zürich, München: Theseus.

Bildnachweis
Karmomo (2013): Being mindful. https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/236x/73/b6/31/73b6317238fd897bf2f75bcde77f047b.jpg. Stand: 05.11.2015. 


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