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Mindfulness ist nichts Besonderes – Teil I


"Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich, und wenn ich gehe, dann gehe ich." (Grün 2001) Das antwortete ein Zen-Mönch auf die Frage nach seiner Medidationspraxis. Der Fragende war erstaunt und meinte: "Aber das ist doch nichts Besonderes, das tun wir doch alle." "Nein", sagte der Mönch, "wenn du sitzt, dann stehts du schon. Und wenn du stehst, dann bist du schon auf dem Weg." (ebd.)


Den Gedanken nachhängen 
Mindfulness, oder auch Achtsamkeit, ist ein Alltagsphänomen. Jeder Mensch ist zu bestimmten Zeitpunkten achtsam (vgl. Germer 2005). Es ist etwas Schlichtes, nichts Außergewöhnliches. Schwieriger ist es jedoch, dies sowohl oft, kontinuierlich als auch in einem hohen Maß beizubehalten. Mindfulness mag vielleicht nichts Besonderes sein, doch sicher ist es eines nicht: einfach. Wie oft erwische ich mich dabei, abzuschweifen, meinen Gedanken nachzuhängen. Ich verweile nicht im Hier und Jetzt, sondern in Vergangenem oder in Zukünftigem. Manchmal höre ich gar nicht richtig zu, wenn ein Freund mit mir spricht, wenn er eine Bitte hat oder einen Rat braucht. Ich schenke ihm nicht meine volle Aufmerksamkeit. Während ich telefoniere, lese ich gleichzeitig einen Artikel, höre Musik oder bereite das Abendessen zu. Oder noch schlimmer: Ich esse eine besonders kostbare Praline und plötzlich, ohne es zu merken, ist sie verschwunden.

Was ist daran so schlimm, mag der ein oder andere fragen. Es stresst mich! Multitasking ist in unserer modernen Gesellschaft hoch gefragt. Schneller und effektiver soll es sein. Doch ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, überfordert mich oft. Es lässt mich Einzelheiten vergessen, Fehler passieren. Ich handle oft vorschnell, ohne zu überlegen und verletzte damit mir wichtige Personen. Und es macht mich unzufrieden. Wie gerne würde ich besonders schöne Momente intensiver, bewusster erleben.   


Was ist Mindfulness? 
Der Begriff "Mindfulness" stammt aus dem Englischen und wird am ehesten mit "Achtsamkeit" übersetzt. Es geht zurück auf die Übersetzung des Wortes "sati" aus der indischen Sprache Pali. "Sati" umfasst die Bedeutungen "gewahr werden", "aufmerksam sein" und "erinnern" (vgl. Buchheld / Walach 2001). Damit ist allerdings nicht die Erinnerung an vergangene Aspekte gemeint, sondern vielmehr ein Sicherinnern an das, was gerade im Moment stattfindet (vgl. Gruber 1997).

Soweit, so gut. Doch die Frage bleibt: Was genau verbirgt sich hinter dem Wort Mindfulness? Ich versuche es einmal mit der in der Forschungsliteratur am häufigsten zitierten Definitionen von Kabat-Zinn, einem der Vorreiter in der modernen Achtsamkeitspraxis. Demnach ist Achtsamkeit eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die

a) absichtsvoll ist, 
b) sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder Zukunft),  und
c) nicht wertend ist (vgl. Kabat Zinn 1982).

Achtsamkeit bedeutet somit, die Aufmerksamkeit absichtlich auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und sich der Erfahrung (sei es eine körperliche, emotionale oder mentale) gewahr zu werden, ohne sie zu bewerten. Während die meisten Autoren in den ersten beiden Punkten übereinstimmen, wird gerade letzteres heute heftig diskutiert. Da es keinen Beleg dafür gibt, dass es grundsätzlich möglich ist, etwas nicht zu bewerten, wird dieser Punkt in ein "Nicht (sofortiges) Reagieren" umgewandelt.


Automatisches Denken, Fühlen und Handeln 
Im Laufe unseres Lebens haben wird durch viele Erfahrungen feste Vorstellungen von den verschiedensten Dingen gewonnen. Wir haben Muster entwickelt, mit denen wir auf bestimmte innere und äußere Impulse reagieren. Selten sind wir uns allerdings über diese Reaktionen bewusst. Oft reagieren wir automatisch, laufen auf Autopilot. 
Stimulus → Reaktion

Weil der Verstand immer wieder auf bereits gespeicherte Informationen zugreift, wiederholen sich Gedanken, Emotionen und Erfahrungen. Eine Haltung der Achtsamkeit soll dem entgegen wirken. Dem Autopilot des Verstandes wird eine beobachtende Instanz zur Seite gestellt. Dieser "Beobachter" sieht sich an, was ist. Er richtet den Fokus auf den Moment, in die Gegenwart. Damit gibt er uns die Möglichkeit mehr von der aktuellen Gesamtsituation wahrzunehmen, frei von der Beeinflussung vergangener Ängste, Schuldgefühle, Ungeduld und Genervtheit. Auf diese Weise gewinnt man Spielraum, um eine Reaktion auf eine bestimmte Situation aus einem größeren Repertoire auszuwählen, ohne einfach nur blind zu reagieren. (vgl. Hölzel 2011; vgl. Hassine 2012) 
Stimulus → Achtsamkeit → Reaktion


Kurzum, Mindfulness ist in der Tat nichts Besonderes. Es ist dem Menschen angeboren, eine grundlegende Fähigkeit. Es ist ganz einfach: Schenke dem, was in deinem Leben gerade passiert, deine volle Aufmerksamkeit! Wenn du dir nachher ein Stück Schokolade gönnst, dann genieße es in vollen Zügen, ohne über den nervenden Chef oder den auf dich wartenden Wäscheberg nachzugrübeln. Fragt dich ein Kollege um Rat, hör genau zu und wäge deine Antwort ab. Und wenn du heute abend zu deinem Liebsten nach Hause kehrst, dann gib ihm einen liebevollen Kuss und schenke diesem Moment deine gesamte Aufmerksamkeit.  


Hier findest du alle Teile unserer Reihe "Mindfulness ist nichts Besonderes":


Teil III – Ein Leitfaden zu Mindfulness

Teil IV  Genieße jeden Moment *VIDEO* 



Nicki
Australien, 05.11.2015


Literatur- und Quellenverzeichnis
BUCHHELD, Nina / WALACH, Harald (2001). Achtsamkeit in Vipassana-Meditation und Psychotherapie. Forschungsstand und aktuelle Perspektiven. In: Belschner, Wilfried / Galuska, Joachim / Walach, Harald / Zundel, Edith (Hrsg.): Perspektiven transpersonaler Forschung. Jahresband 1 des DKTP. Oldenburg: BIS, 65-86.
GERMER, Christopher (2005): Mindfulness – What is it? Why does it matter? In: Germer, Christopher et al.: Mindfulness and Psychotherapy. New York: The Guilford Press.
GRUBER, Hans (1997). Das Herz buddhistischer Meditation: Die Hauptansätze der Achtsamkeitspraxis Vipassana im Westen. In: Deutsche Buddhistische Union (DBU). Lotusblätter – Zeitschrift für Buddhismus 11, 4/97 + 1/98, 46-51.
GRÜN, Anselm (2001): Das kleine Buch vom wahren Glück. Freiburg: Herder.  
HASSINE, Sarina (2012): Warum Achtsamkeit und was ist das überhaupt? http://www.mindfulnessberlin.de/was-ist-achtsamkeit/. Stand: 05.11.2015. 
HÖLZEL, Britta (2011): Wenn das Gehirn meditiert. http://www.arbor-verlag.de/wenn-das-gehirn-meditiert. Stand: 05.11.2015.  
KABAT-ZINN, Jon (1982): An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: Theoretical considerations and preliminary results. In: General Hospital Psychiatry. 4 (1), 33-47.

Bildnachweis
Mind full, or Mindful?
Mindfulness. University Health Service. https://www.uhs.umich.edu/mindfulness. Stand: 05.11.2015. 

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