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Stationlife - Arbeiten und Leben auf einer Rinderfarm in Australien

Stationlife – Arbeiten und Leben auf einer Rinderfarm in Australien
Auvergne und Newry Station, Australien – September 2015



Das einzigartige Opernhaus von Sydney, das surreale Rot des Riesenmonolith Uluru und die orange-weißen Clownfische, die an verschlungenen Korallen knabbern – das sind Bilder, die wir mit Australien verbinden. Dass zwischen diesen Kulissen tausende Kilometer oft geradezu faszinierender Eintönigkeit liegen, vergessen wir kurzstreckenverwöhnten Europäer gern. Auch heute noch, nach anderthalb Jahren in Australien, schauen wir auf eine Karte und können die unendliche Weite nur schwer erfassen.

Das Outback. Faszinierend und gefährlich zugleich. Es umfasst beinahe drei Viertel der gesamten Fläche des roten Kontinents und erstreckt sich hauptsächlich über das Northern Territory und Western Australia. Das Outback steht für endlose Weite, Abgeschiedenheit und Menschenleere. Zerklüftete Bergketten, spektakuläre Schluchten und öde Wüstenlandschaften prägen das Bild. Dazu Temperaturen bis zu 50 Grad und kaum ein Fleckchen Schatten, um der unerbittlichen Sonne zu entkommen. Und dennoch, nach stundenlanger Fahrt, wenn man das Gefühl hat, sich am Ende der Welt zu befinden, trifft man auf Leben. Fernab jeglicher Zivilisation haben sich kleiner Ortschaften angesiedelt, die autark und teilweise ohne Kontakt zur Außenwelt leben. Daneben findet man riesige, isolierte Bergarbeitersiedlungen und sogenannte Cattle Stations (Rinderfarmen).

Für uns ist nichts so typisch für Australien wie dieses "wilde" Hinterland mit seinem besonderen Menschenschlag, der sich hier angesiedelt hat. Das "echte" Australien – hart und unverstellt. Cowboys und -girls, die tagein tagaus ein einfaches, hartes, aber scheinbar erfülltes Leben führen. Ohne viel Luxus und Tam Tam. Oft sprachen wir davon eine Zeit lang auf einer dieser riesigen Farmen zu verbringen und das "echte Outbackleben" hautnah zu erleben. Doch wie man hier einen Fuß in die Tür bekommt und gar einen Job findet? Keine Ahnung! Als eines Morgens ein Builder neben uns anhielt, uns völlig unerwartet einen Job anbot und wir nur eine Stunde später unser Lager auf der Auvergne Station aufschlugen und mit der Arbeit begannen, ging alles viel zu schnell, um es zu realisieren.



Unglaubliche Fakten zur Auvergne Station
  • Größe: 1 Million Acre!!! Das sind 4.000 Quadratkilometer! Das ist fast fünfmal so groß wie Berlin (891 Quadratkilometer)
  • Bewohner: 15
  • Tiere: 28.000 Rinder; 30 Ziegen; 15 Schweine; 40 Hühner; 3 Truthähne
  • Nächster Nachbar: Newry Station; ca. 100 Kilometer entfernt
  • Nächste Stadt: Kununurra (4.500 Einwohner); ca. 180 Kilometer entfernt
  • Stromversorgung über "Generator" (simpler LKW-Motor, der 24 Stunden läuft; Spritverbrauch: 120 L Diesel pro Tag; Kosten: 80.000 Dollar pro Jahr)
  • Wasserversorgung: Regen-, Fluss- und Grundwasser
  • einmal wöchentlich Postflugzeug
  • einmal monatlich Lebensmitteleinkauf und andere Besorgungen



Ehe wir uns versahen, arbeiteten wir für mehr als fünf Wochen auf dieser und einer weiteren Station und genossen jeden auch noch so anstrengenden Moment.

Tagesablauf

6:00 Uhr:
Der Hahn kräht, die Ziege meckert und das Schwein grunzt. Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal im Dunkeln aus dem Bett gequält? Das ausgiebige Frühstück mit Speck, Eiern und Würstchen entschädigt ein wenig.

6:30 Uhr:
Arbeitsbeginn. Im Morgengrauen packen wir unsere Werkzeuge aus und bereiten den Tag vor. Die Sonne geht langsam hinter den Bergen auf und wir fühlen uns voller Tatendrang. In nur wenigen Tagen rissen wir Schritt für Schritt ein komplettes Haus – die alte Unterkunft der Jungs – ab. Es wurde gehämmert, gesägt und geschraubt. In der kühlen Morgenluft vergingen die ersten Stunden des Tages wie im Flug und man konnte glatt verdrängen, dass es schon bald abartig heiß werden würde.

10:00 Uhr:
Smoco. Was auch immer das eigentlich heißen soll. Sicher ein Wort aus alten Zeiten, in denen man sich jetzt im Schatten unter einem Baum inmitten von tausend Rindern die verdiente Zigarette angezündet und einen starken Kaffee getrunken hat. Für die Cowboys und -girls auf der Station auch heute nicht viel anders. Wir "Bauarbeiter" haben allerdings den großen Luxus in die Gemeinschaftsküche gehen zu können und eine leckere warme Mahlzeit serviert zu bekommen. Natürlich wieder deftig und fettig. Hausgemachte Pies, Sandwiches mit selbst geräuchertem Rindfleisch und die Reste vom letzten Abendessen.

10:30 Uhr:
Weiter geht´s. Noch sind wir gut gelaunt. Die Arbeit geht gut voran. Weiter drehen wir Schraube für Schraube aus dem alten Holz, reisen Fenster und Türen aus den Angeln und zerstören den alten Beton mit dem Presslufthammer. Doch der Schweiß beginnt zu rinnen und immer öfter suchen wir eine "Abkühlung" im Schatten.



13:00 Uhr:
Lunch. Wieder essen. Wieder gibt es deftige Hausmannskost. Und doch, zu meiner Überraschung, hauen wir rein wie die Mähdrescher. Obwohl wir gefühlt nichts anderes machen als zu essen, haben wir tatsächlich Hunger. Wir müssen uns rüsten für das was kommt. Der furchtbarste Abschnitt des Tages.

13:30 Uhr:
Ab jetzt wird es abartig. Die Sonne ist unerbittlich. Wir haben Temperaturen um die 40 Grad erreicht und unsere Haut brennt. Das Arbeiten fällt immer schwerer. Doch unermüdlich müssen die Hämmer geschwungen werden. Weiter reisen wir Wände und Dach ein. Nach ca. zwei Wochen ist es geschafft – es ist nichts mehr zu sehen. Das Haus ist weg. In alle Einzelteile zerlegt. Denn Gott bewahre, dass man etwas wegschmeißt. Vom verrosteten Träger über verrottetes Holz bis hin zu alten Abwasserleitungen und Stromkabeln, alles wird aufgehoben.

18:00 Uhr:
Feierabend! Ein langer, harter Tag geht zu Ende. An den nächsten denkt man am besten noch nicht. Der schönste Teil des Tages. Alle treffen sich an der Bar und zahllose Biere wandern aus dem Kühlschrank die trockenen Kehlen hinunter. Jeder ist verdreckt, verschwitzt und völlig fertig. Es ist ein gutes Gefühl. Ein Gefühl etwas getan, etwas geschafft zu haben. Nie hat sich eine Dusche besser und verdienter angefühlt.

19:30 Uhr:
Wie sollte es anders sein, zum Abendbrot gibt es das volle Programm: riesige Braten mit Bergen an Beilagen und Soßen. Und zum Nachtisch ein warmer Crumble, Pudding oder auch Kuchen. Hach, das Leben ist toll!

21:30 Uhr:
Spätestens jetzt gehen alle Lichter aus. Die Sonne ist längst untergegangen und hat wie jeden Abend den Himmel in den schönsten Farben erleuchten lassen. Wir schlafen wie die Steine und träumen von einem neuen Tag.

In den insgesamt fünf Wochen rissen wir zu Dritt die alte Unterkunft ab und errichteten eine neue. Die Arbeit war hart und anstrengend. Muskelkater in allen erdenklichen Knochen war unser ständiger Begleiter. Doch wir haben jeden einzelnen Tag geliebt. Die Jungs waren einfach unglaublich. Immer einen Spruch auf den Lippen und für jeden Unsinn zu haben. Die Gastfreundlichkeit kennt keine Grenzen. Besonders die Wochenende wurden immer zu einem Erlebnis. Wir waren in der Wilderniss fischen, haben Kängurus geschossen und abends am Lagerfeuer gekocht. Wir haben meterlange Krokodile aus unmittelbarer Entfernung und riesige Vogelschwärme gesehen, waren reiten und haben die wunderschönsten Steine in einer der seltenen "Zebrarock"-Mienen abgebaut. Mit dem Geländewagen haben wir die Farmen erkundet, sind mitten durch den Busch und über Stock und Stein gebrettert. Besonderes Highlight war unser privater Rundflug über die unendlichen Weiter der Station mit dem Farmmanager.



Unsere Zeit hier werden wir nie vergessen. Für uns gehört sie auf jeden Fall zu den einzigartigsten und besten Erfahrungen, die wir auf unserer Reise bisher erlebt haben.

Und diesmal gibt es etwas Neues: Noch mehr Fotos zu unserem Stationaufenthalt findest du HIER

Was meint ihr? Wäre das auch ein Leben für euch? 

Nicki
Australien, 08.10.2015



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