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Glückliche Tage



Hier sitze ich nun. Eingemummelt in meinen dicksten Pullover, eine alte Decke und kuschelige Socken. Es ist kalt. Wenn ich atme, kann ich eine Wolke vor meinem Gesicht erahnen. Ich versuche starr und unbeweglich zu sein. Und gleichzeitig locker und entspannt. Ich versuche mich zu konzentrieren, an nichts zu denken. Doch mein Blick wandert. Ich sehe die Sonne am Horizont aufgehen. Die Umgebung ist in ein wunderschönes Rot-Orange getaucht. Der Nebel hängt über dem kleinen See, Vögel ziehen darüber hinweg, halten kurz inne, um zu trinken. 

Ich befinde mich in Thailand. Ich sitze in einer wunderschönen, offenen Halle zwischen zahlreichen Menschen und versuche zu meditieren. Es ist ein Schweigeretreat*, an dem ich teilnehme. Doch es fällt mir schwer, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, nichts zu denken und den Blick nach unten gerichtet zu halten. Die ersten Tage sind anstrengend, das Leben unkomfortabel. Mein Rücken schmerzt, meine Beine sind eingeschlafen, mein Magen knurrt. Ich fühle mich unwohl. Ich habe nichts, um mich abzulenken. Kein Buch, kein Internet, kein Telefon. Ich kann mit niemandem sprechen. Ich bin unruhig. Sollte ich nicht aufstehen und etwas Sinnvolles tun? 

Es dauert ein wenig, doch mit der Zeit werde ich ruhiger. Ich beginne mich zu entspannen. Zum ersten Mal in meinem Leben tue ich nichts. Absolut nichts. Ich bin einfach. Ich begreife plötzlich, was für einen unendlichen Luxus ich besitze. Einen Luxus, den nur wenige haben. Ich habe Zeit. Zeit, um zu sein, um nichts zu tun. Ich muss nicht arbeiten, irgendetwas organisieren oder mir Gedanken um meine zahlreichen Aufgaben machen. Ich weiß, ich muss nicht in wenigen Tagen zurück nach Deutschland, zurück in mein altes Leben, zurück zu meiner Traurigkeit. Ich habe die Zeit, um über mein Leben nachzudenken, meine Prioritäten neu zu ordnen. Ich habe die Möglichkeit von vorn anzufangen. 
Ich bin glücklich. Ich fühle mich leicht und frei. So unendlich frei. Ich sehe, was für eine schwere Last von meinen Schultern gefallen ist. Ich lächle in mich hinein. 

Der Retreat* war ein Wendepunkt. Er hat mir die Augen geöffnet. Auch wenn ich nicht die Erleuchtung gefunden oder mich in anderen Sphären bewegt habe, hat mich kaum ein anderes Erlebnis so nachhaltig geprägt. Es hat mich gezwungen inne zu halten, stehen zu bleiben und die Dinge zu hinterfragen. Es hat mir gezeigt, was für ein unendliches Glück ich habe und wie unendlich reich ich bin. 
Sehe ich mir heute Fotos aus dieser Zeit an, haut es mich jedes Mal um, wie unfassbar glücklich ich aussehe. Ich habe das Gefühl von innen heraus zu strahlen. Auch wenn ich mich heute noch immer als glücklich bezeichnen würde, sind diese Bilder von so enormer Intensität, dass sie mich jedes Mal zum lächeln bringen. Die Fotos zeigen einen Wandel. Einen Wandel, der mein Herz erwärmt und der mich immer ein wenig melancholisch an Asien denken lässt. Eine glückliche Melancholie. Es waren besonders glückliche Tage, die wir in Asien verbracht haben. Ich denke gerne und oft daran zurück. 


Wenn du noch mehr über unseren Meditationsretreat* in Thailand erfahren möchtest, dann kommst du HIER zum ausführlichen Bericht. 


* Retreat, engl. für Rückzug, bezeichnet eine geplante Ruhepause oder einen Rückzug von der gewohnten Umgebung 



Nicki
Australien, 08.10.2015 

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