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Von Faulenzerei und großen Abenteuern – Java, eine Insel der Gegensätze




Wer nach Indonesien reist, kommt an Java meist nicht vorbei. Als eine der vier großen Hauptinseln der Republik Indonesiens ist sie vor allem für ihre enorme Fläche und Bevölkerungsdichte bekannt. Mit ihren 126.650 km² ist die "kleine" Insel bereits halb so groß wie Deutschland. Doch noch beeindruckender sind folgende Zahlen: Java hat ca. 130 Millionen Einwohner - mehr als jede andere Insel der Erde - und mit mehr als 1000 Einwohnern! je Quadratkilometer ist die Bevölkerungsdichte eine der höchsten der Welt.

Das sollte einen aber auf keinen Fall abschrecken, denn eine Reise durch Java hat viel zu bieten. Vor allem weniger Touristen, niedrigere Kosten und eine gute Portion indonesisches Flair. Nirgends anders liegen das moderne, urbane und das traditionelle, ländlich geprägte Indonesien so dicht beieinander. So gehören die Weltkulturerbestätten Borobudur und Prambanan, die Batik-Galerien von Solo und die moderne Kunstszene von Yogyakarta zu jeder kulturell orientierten Indonesien-Reise dazu. Doch auch Naturliebhaber kommen bei einer Wanderung durch die unzähligen Dörfer, Reisfelder und Teeplantagen auf ihre Kosten. Oder wie wärs mit einer Vulkanbesteigung? Mit Sicherheit ein besonderes Highlight und auf Java mit seinen 38 Vulkanen easy machbar.



Doch gerade einer dieser besonders aktiven Vulkane wollte uns fast unseren Urlaub versauen. Am Morgen unserer Abreise endeckten wir plötzlich im Vorbeigehen die Schlagzeile des Tages: Vulkanausbruch behindert Flugverkehr in Indonesien. Der internationale Flughafen auf Bali lahmgelegt. Super. Was jetzt? Wir hatten weder Internet noch eine Handykarte und uns blieben gerade einmal acht Stunden bis zum Abflug. Oder auch nicht. Völlig ratlos und aufgeschreckt liefen wir umher, steckten Stunden in der Warteschleife der Fluggesellschaft fest und beschlossen am Ende einfach auf gut Glück zum Flughafen zu fahren. Dort ging plötzlich alles ziemlich schnell. Völlig überraschend sollte unser Flugzeug tatsächlich starten. Alle Flüge zuvor und, wie wir später erfuhren, auch viele Flüge nach uns wurden gecancelt. Was für ein riesiges Glück. In nur zwei Stunden landeten wir leicht überrumpelt in Denpasar, Bali.

Nach der Erkundung dieser toller Insel (Bali – Insel der vielen Gesichter) trieb es uns weiter nach Java. Von Ketapang, 8 km nördlich von Gilimanuk, Bali, gelangt man ruckzuck rund um die Uhr für 7.000 Rp nach Banyuwangi, Java. Dort ergab sich ohne größere Planung eins nach dem anderen und so landeten wir mehr oder weniger zufällig an folgenden Orten:

Das blaue Feuer am Ijen – Ijen-Massiv
Schon am zweiten Tag wurden wir in aller Frühe geweckt, in ein Auto gesteckt und zum ca. eine Stunde entfernten 2000-3000 m hohen vulkanisch hochaktiven Ijen-Massiv kutschiert. Im Stockdunkeln begann um 3 Uhr unser Aufstieg. Langsam mühten wir uns Zentimeter für Zentimeter die gerade einmal zwei Kilometer lange Strecke zum Kraterrand herauf. Es dauerte ganze zwei Stunden! Wir waren durchgeschwitzt und ausgepowert, doch jetzt wurde es aufregend. Wir setzten die Gasmasken auf und begaben uns vorsichtig in den Krater hinab. Eine gruselige Stimmung umgab uns. Lediglich unsere Stirnlampen leuchteten in der Dunkelheit, das Atmen fiel schwer und die Gase brannten in den Augen. Nur langsam krakselten wir über Felsbrocken und Geröll und machten ab und an den Arbeitern mit ihrer schweren Last Platz. Dann plötzlich – wir waren völlig unvorbereitet – bot sich uns ein surrealer Anblick. Wir sahen das bläulich-violette Feuer, das permanent an den Schwefelquellen brennt und nur bei Nacht sichtbar ist. Unglaublich. So etwas hatten wir nicht erwartet. Es war wunderschön.
Doch gleichzeitig fühlten wir uns eigenartig beklemmt. Junge und alte Männer arbeiten für einen Hungerlohn tag täglich in dieser menschenunwürdigen Umgebung. Im Nebel der gefährlichen Dämpfe bauen sie Schwefel in gelben Brocken ab. Keiner von ihnen trägt eine Gasmaske. Alle husten und röcheln grauenhaft. Andere Arbeiter laufen bis zu drei Mal am Tag über den Kraterrand und bringen die bis zu 70 kg schweren Körben voller Schwefelbrocken ins Tal hinab. Der Lohn ihrer harten Arbeit? Gerade einmal 750 Rp pro kg. Das sind ganze drei Euro pro Korb.
Doch für uns ging es weiter. Wir quälten uns wieder zum Kraterrand hinauf und ließen die Arbeiter hinter uns. Durch lichtes Gestrüpp folgten wir einem Pfad zum sogenannten Sunrise Point. Was uns allerdings mehr in den Bann zog als der Sonnenaufgang war der Blick in den Krater. Eingekreist von steilen und zerfurchten Hängen sieht man in der dämmernden Morgensonne den fast einen Kilometer langen und 600 Meter breiten Kratersee. Grünlich-blau klitzert er im Sonnenlicht. Die Aussicht ist atemberaubend. Im Hintergrund erhebt sich der aktive Gunung Raung, der Vulkan, der uns noch vor wenigen Tagen beinnahe unsere Reise vermasselt hätte. Rauch steigt aus dem Krater und von weit her hört man ein leises Grummeln. Es ist fazinierend. Doch gleichzeitig scheint es nicht real zu sein.
Gegen um acht Uhr morgens erreichten wir unseren Ausgangspunkt, ließen uns einen heißen Kaffee schmecken und träumten auf der Rückfahrt von dem Erlebten.



Stille im ersten Licht des Tages – Gunung Bromo
Noch am selben Tag ging alles ganz schnell. Durch einen Zufall ergatterten wir einen privaten Fahrer, der uns für nur 100.000 Rp pro Person direkt nach Cemoro Lawang, einem kleinen Dorf direkt am Kraterrand des Gunung Bromos, brachte. Was für ein Luxus. So etwas gab es bei uns noch nie. Doch direkt bei unserer Ankunft war es vorbei mit Prunk und Pracht. Zu Viert teilten wir uns ein Minizimmer und froren unter unseren dünnen Deckchen. Doch die Nacht war kurz. Wieder starteten wir zu einer abartigen Zeit – 3 Uhr morgens. Eingemummelt in alle uns zur Verfügung stehenden Kleidungsstücke und unsere Decken ging es raus in die kalte und dunkle Nacht. Nach ca. einer Stunde erreichten wir unser Ziel: den Sruni Point. Von hier soll man den Bromo, den Semeru, das Tal und die Wolkendecke ideal überblicken können. Nach dem recht anstrengenden Marsch saßen wir still im Dunkeln und warteten. Langsam zeigte sich am Horizont das erste Licht des Tages. Man hatte uns nicht zu viel versprochen. Es war unbeschreiblich. Friedlich und wunderschön. Die Aussicht war spektakulär. Die Stimmung noch besser. Schweigend genossen wir den Anblick und unser kleines Frühstück.
Eine halbe Stunde später war die Sonne aufgegangen und wir hatten uns aus unseren Klamotten geschält. Weiter ging´s zum Krater. Der Tipp unseres Fahres sparte uns ganze 267.500 Rp pro Person! Über einen geheimen Weg umrundeten wir den offiziellen Eingang und erreichten nach ca. 30 Minuten den Krater. Die Landschaft war einmalige: ein riesiges Sandmeer, der Vulkankegel und die umliegende Gebirgslandschaft. Eine ganze Weile verbrachten wir am Rand des Kraters und starrten in die Tiefe, in der es brodelte und zischte und aus der eine riesige Rauchwolke strömte. Unbeschreiblich.



Ziellos – Solo
In Solo ließen wir uns treiben. Ziellos liefen wir durch die Straßen und Gassen, durchstöberten die vielen wuseligen Märkte und probierten leckere Köstlichkeiten an gefühlt jeder Garküche, an der wir vorbeikamen. Oft kehrten wir in gemütlichen Bars ein und genehmigten uns das ein oder andere Bier. Mit dem Roller erkundeten wir die Umgebung und düsten durch die Berge. Wir entdecken einsame Tempel, fuhren an Feldern und Dörfern vorbei und genossen wunderschöne Ausblicke. Herrlich entspannt.



Eine scheinbar ausgestorbene Stadt – Yogyakarta
In Yogyakarta, der kleinen Schwester der Hauptstadt Indonesiens, hatten wir hingegen viel vor. Nach all der Faulenzerei wollten wir endlich wieder etwas erleben. Yogyakarta sollte da gut geeignet sein. Angeblich gibt es außerhalb Balis nirgends sonst ein vergleichbares Angebot an Kultur, Einkaufsmöglichkeiten und kulinarischen Highlights. Auf dem Plan standen: Kraton, Kota Gede, Batikmuseum, Tanz- und Theateraufführung.
Doch das Einzige, was wir letztendlich besuchen konnten, war der berühmte Borobudur – das größte buddhistische Monument der Welt. Zwischen 750 und 840 erbaut, ist bis heute unklar mit welchen Methoden die Erbauer eine solche Präzision bei der Anordnung der Steinblöcke und Reliefs erreichten. 
Ansonsten Pustekuchen. Als wir ankamen war die Stadt wie leergefegt. Alles war geschlossen. Was lief denn hier verkehrt? Eine winzige Kleinigkeit hatten wir leider übersehen: Es war das Ende des Ramadan und wir befanden uns im größten moslemischen Land der Erde. Die Tage flossen träge dahin. Kaum eine Sehenswürdigkeit war geöffnet. So langsam nervte uns dieser Fastenmonat. Doch kurz bevor wir uns so richtig beschweren konnten, wandte sich das Blatt. Wir entdeckten die Nacht. Sobald das Zeichen der Moschee erklungen war, stürzten die Menschen auf die Straßen, in die Warungs und Restaurants. Überall wurde gekocht, zusammen gegessen und geschnattert. Und die Stadt war voll. Sie platzte förmlich aus allen Nähten. Alle waren nach Yogyakarta geströmt. Schon seit Tagen waren Busse und Bahnen ausverkauft. Und dann kam das Beste: Idul Fitri – der Tag des Fastenbrechens. An diesem Tag und leider auch die gesamte Nacht hindurch (aus der nahe gelegenen Moschee leierte es ohne Unterbrechung „Gott ist groß“) wird Allah dafür gedankt, dass man dem Fastenmonat Folge leisten konnte. Jeder war auf den Beinen. Es wird alles nachgeholt, was während des Ramadan verboten war. Schon am frühen Morgen versammelten sich die Menschen auf den Plätzen und in den Moscheen, rezitierten Koranverse und beglückwünschten sich. Nachbarn und Freunde wurden besucht, Geschenke ausgetauscht und die Fehler des vergangen Jahres verziehen. Überall wurde gegessen und geschnattert. Ein riesiger Bienenkorb. Abends gipfelte das Ganze in einem großen bunten Fest mit Umzug. Es gab Tanz- und Gesangsdarbietungen, jede Menge Reden und ein riesiges Feuerwerk. Kinder liefen mit Laternen durch die Straßen und quietschten vor Vergnügen. Es wurde getanzt, gelacht und ausgelassen gefeiert. Das hatten wir uns nicht träumen lassen. Es war ein toller Abschluss für eine grandiose Zeit auf Java.

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