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Von Zweien, die auszogen, um das große Glück zu finden



Es ist nun genau 661 Tage her als unser großes Abenteuer begann. Der Aufbruch ins Ungewisse. Wir gaben Jobs und Wohnung auf, ließen Deutschland hinter uns. 

Viele träumen ebenfalls davon, aus dem Alltag auszusteigen, das Hamsterrad hinter sich zu lassen, die Welt zu sehen. Sie träumen von einem Leben in Freiheit, vom großen Glück. Doch oft kommen die vielen Verpflichtungen, wirtschaftliche Gründe oder das Sicherheitsdenken in die Quere. 

Doch was ist, wenn man zu Hause nicht mehr glücklich ist? Wenn man im Bett liegt und einfach nicht mehr aufstehen kann.


Wie alles begann 

Nein, wir sind nicht besser oder mutiger als alle anderen. Wir sind keine besonders abenteuerlustigen oder verrückten Menschen. Es gab nur diesen einen Tag, an dem plötzlich klar war, es muss sich etwas ändern. Dieser graue, kalte Tag vor etwa zweieinhalb Jahren. Ich erinnere mich genau. Ich schlug die Augen auf und sah aus dem Fenster. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, doch schon jetzt war klar, dass es ein trüber Tag werden würde. Es regnete. Die Tropfen klatschten ans Fenster. Und ich konnte einfach nicht aufstehen. Ich hatte keine Kraft mehr zu funktionieren. Und das tat ich. Seit Monaten. Seit Jahren. 

Stumm kullerten die Tränen meine Wangen hinunter. Doch Aufgeben geht nicht. Ich musste stark sein. Keine Schwäche zeigen. Also wischte ich meine Tränen weg, setzte ein Lächeln auf und stieg tapfer in den Zug zur Arbeit. 

Doch an diesem Tag hatte sich etwas verändert. Ich konnte nicht mehr. Ich musste weg. Raus hier. 


Das scheinbar perfekte Leben

Unser Ausstieg war mehr eine Blitzidee, kein lange durchgeplantes Abenteuer. Nur wenige Monate vergingen zwischen dem ersten Gedanken und dem Auf Wiedersehen Sagen am Flughafen.

Doch was hatte uns dazu veranlasst unsere Wohnung zu kündigen, unsere Sachen im Eiltempo zu packen und Deutschland zu verlassen? Warum gaben wir alles auf und verzichteten auf unser vermeintlich perfektes Leben in Deutschland? Denn rein objektiv gesehen, war es genau das: perfekt.

Wir hatten ein Dach über dem Kopf. Und zwar ein sehr schönes. Unsere Wohnung war riesig gewesen, jeder hatte sein eigenes Arbeitszimmer. Ein Altbau mit Stuck an den Decken und heimelig knarrenden Dielen. Ein wunderschöner Garten und nette Nachbarn. 

Darin befanden sich lauter schöne Sachen. Ein prall gefüllter Kleiderschrank mit mehr Auswahl als in einem kleinen süßen Bekleidungsgeschäft. Wunderschöne Möbel, stundenlang mit Liebe ausgewählt. Der neueste technische Schnick Schnack - Handy, Fernseher, Heimkinoanlage und Laptops.

Davor standen nicht das neueste, aber ein fahrbereites, großes Auto sowie ein kleines Motorrad.

Wir waren beide beruflich mehr oder weniger erfolgreich, hatten Schule und Studium mit Bravur bestanden und befanden uns nun am Beginn unseres Berufslebens. Die Kollegen waren nett, die Arbeit an sich machte uns eigentlich Spaß.

Wir hatten tolle Freunde (die besten ;-)), gingen viel aus, genossen das Leben.


Risse in der Fassade

Doch beim genaueren Hinsehen, bemerkte man Risse. Ich hatte ein tolles Leben, doch richtig zufrieden war ich nicht. Immer öfter lag ich nachts wach und kämpfte mit der einen quälenden Frage: „Bin ich glücklich?“


Ich fühlte mich gehetzt und gestresst. Eigentlich immer. Ich stürzte von Termin zu Termin, von einer Aufgabe zur nächsten. Alles in meinem Leben tat ich schnell. Von morgens bis abends. Von banalen Dingen wie dem Zähneputzen übers Kochen und Putzen bis hin zu wichtiger Unterrichtsvorbereitung. Ich nahm mir keine Zeit zum Innehalten. Viel mehr versuchte ich darüber hinaus Dinge gleichzeitig zu tun, um noch effektiver zu sein. Dabei gaukelte ich mir vor, am Wochenende hätte ich Zeit, würde ich mich entspannen, ein Buch lesen, meinen Interessen nachgehen. Doch auch dann waren Dinge zu erledigen, die Wohnung musste aufgeräumt, der Wocheneinkauf hinter mich gebracht und der Unterricht für die nächste Woche vorbereitet werden. Oder ich war einfach zu müde, zu erledigt von der Woche. Kam am Sonntagnachmittag dann doch tatsächlich so etwas wie Entspannung auf, stand bereits der nächste Montag vor der Tür.

In Deutschland erwartet man Leistung von dir. So war jedenfalls damals mein Gefühl. Bereit zu jeder Zeit. Bereits in der Schule trichtert man den Kleinen ein, dass sie gute Noten schreiben müssen. „Sonst wird nichts aus dir!“ In meiner Zeit als Lehrerin erlebte ich Schüler, die sich nicht über eine Zwei freuen konnten, die sie als Versagen ansahen. Nach der Schule geht es weiter. Vom Klavierunterricht zum Fechtenlernen bis hin zur Nachhilfe. Denn man hatte ja nur eine Zwei nach Hause gebracht. Das reichte nicht. „Wie soll so etwas aus dir werden?“
Auch im Studium und Berufsleben lässt der Druck nicht nach. Bei dem Besuch eines guten Freundes, erschrak ich zu tiefst. Er sah blass und fahl aus, konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Doch stolz berichtete er mir, seit dem Tag seiner Einstellung noch nicht einmal krank geschrieben gewesen zu sein. „Was soll denn mein Arbeitgeber denken? Wie soll ich die liegengebliebene Arbeit aufholen? Was, wenn ich gefeuert werde?“ Arbeiten bis zum Umfallen ist etwas auf das man stolz sein kann.
Auch ich habe diesen Druck, immer Leistung zeigen zu müssen, gespürt. Meist kam er von mir selbst. Nicht von außen. Bereits in der Schule wollte ich immer die Beste sein, die besten Noten nach Hause bringen, von den Lehrern gemocht werden. Im Studium und Beruf gipfelte das dann ins Krankhafte. Ich arbeite ohne Pause. Tag und Nacht. Manchmal verließ ich tagelang die Wohnung nicht, hatte keinerlei sozialen Kontakt. Ich kapselte mich ab, fokussierte mich einzig und allein auf meinen beruflichen Erfolg.

Der ständige Stress und Druck machten mich krank. Fast täglich litt ich unter Magen- und Kopfschmerzen. Auch Hautprobleme waren mir nicht fern. Mindestens einmal im Jahr bekam ich einen Ausschlag am ganzen Körper. Ursache? Unauffindbar. Dazu kamen starke Rückenschmerzen, egal ob ich saß, stand oder auch lag. An meinem Schreibtisch hielt ich es fast nur noch mit Schmerzmitteln und Heizkissen aus. Das gleiche Spiel beim Schlafen. Sofern an Schlaf überhaupt zu denken war. Denn die meiste Zeit lag ich wach, wälzte mich von einer Seite zur anderen. Das Gedankenkarrussel wollte einfach nicht stoppen. Ich dachte daran, was noch alles zu erledigen war, wie ich all meine Aufgaben in dieser kurzen Zeit bewältigen wollte, an meine Zukunft.


Die einen wettern über Hartz IV Empfänger, die anderen über Politiker. Manche beschweren sich über die verkommene Jugend, wieder andere lassen sich über die Rentner aus. Wo auch immer ich mich befand, ich hatte das Gefühl nur noch von Nörglern und Neidern umgeben gewesen zu sein. Manchmal hatte es sich so angefühlt als sei es in Deutschland geradezu zum Volkssport geworden, sich über andere zu beschweren. Jeder schien immer nach dem Besseren zu streben und dazu bereit zu sein über Leichen zu gehen. 


Schon von früh an wird uns eingebläut, hast du nichts, bist du nichts. Und so streben wir nach immer höheren Zielen. Die Werbung tut ihr Übriges. Sie gaukelt uns vor, was wir vermeintlich brauchen, um glücklich zu sein. Nach dem Motto: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Ständig muss es das neue Handy, die teuren Klamotten, der Traumurlaub sein. Man muss schließlich mithalten. Was sollen denn sonst die Nachbarn sagen? Und ich war mittendrin. Ich hatte mich anstecken lassen. Ich habe konsumiert. Massenweise. Die Freude hielt an. Für wenige Minuten. Manchmal auch Tage. Doch dann war sie wieder da. Die Leere. Also lief ich los und kaufte weiter.


Und dann kam die Suche nach dem Sinn des Lebens

Es war mir lange nicht bewusst gewesen. Doch an diesem einen grauen Tag wurde es mir klar. Ich steckte fest. In negativen Gedanken. Pessimistisch und voreingenommen. Ich sah das Gute an unserem, an meinem Leben nicht mehr. Und so fällte ich in diesem Moment, die mir damals einzig logisch erscheinende Entscheidung: Ich gehe! Ich musste raus, um Abstand zu gewinnen. So wollte ich nicht mehr sein. So wollte ich mein Leben einfach nicht mehr führen. 

Mein großes Glück: Mein Mann stand mir zur Seite. Zusammen kündigten wir unsere Wohnung, verkauften oder verschenken die meisten unserer Sachen, gaben eine große Abschiedsparty und machten uns dann auf in die große weite Welt, um uns über die wichtigen Dinge im Leben klar zu werden. Die Reise unseres Lebens stand bevor. Alle Türen standen uns offen, sie mussten nur betreten werden.

So oder so ähnlich stellt man es sich vor. Doch nein. Ganz so war es nicht. Wir waren ja nicht völlig verrückt. Wir setzten uns ein Zeitlimit von fünf Monaten. Der Plan sah vor, dass wir zu Jahresbeginn wieder in Deutschland sitzen würden, ich als Lehrerin, er als Architekt. Zurück in einer schönen Wohnung. Unsere Zukunft war durchgeplant: Heirat, Kinder, Hausbau.


Doch zweieinhalb Jahre später sitzen wir in einem Van unter der Sonne Australiens...


Nicki



Kommentare:

  1. Ich liebe euren Blog jetzt schon und ich bin der festen Überzeugung, dass man tatsächlich nicht viel braucht um glücklich zu sein, ich trenne mich auch nach und nach von überflüssigen Dingen und fehlen tun sie mir kein Stück. Fühlt euch abgeknutscht!

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    1. Ach meine liebe Anni,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ich war ja so nervös.
      Fühl dich gedrückt.

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  2. Ihr Lieben, was für ein toller Bloq. Ich bin begeistert über eure offenen Worte, fasziniert von den tollen Bildern und lese mit viel Freude jeden Inhalt. Ich finde es grandios eure Reise teilhaben zu können. Ein wirklich tolle Idee....das muss ich doch glatt nochmal erwähnen. Und wer weiß wo wir uns auf dieser Welt einmal über den Weg laufen werden. Ich freu mich jetzt schon über neue Artikel. Ein dicker Drücker nach Broome.

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    1. Einen ganz dicken Drücker zurück in die Bretagne und vielen Dank für deine lieben Worte. Der nächste Artikel ist nicht weit ;-).

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